Meine liebe Lydia!

Heute ist wieder Sonntag, den sechsten hier auf Feldwache. Den Besitz Deines Briefes habe ich Dir bereits gestern p. Karte mitgeteilt. Für das schöne Geburtstagsgeschenk in Form des Bildes nochmals innigen Dank. Ihr seid ja alle gut getroffen und würde ich mich mit meinem struppigen Barte dabei wohl schlecht ausnehmen, vielleicht wolltest Du mich in diesem Zustande garnicht auf dem Bilde haben. Obwohl hier auf der Wache, wie sie alle sagen, mein Bart die meisten Fortschritte gemacht. Doch nun Spaß beiseite, die Zeit ist für solche Sachen eigentlich zu ernst und doch gewöhnt man sich in dieser Zeit sehr an die Verhältnisse. Die gestern gebrachte Siegesnachricht: 1 Russisch. Armeecorps geschlagen, hast Du wohl schon gehört. Hier in unserer Nähe sind nur langsam Fortschritte zu verzeichnen. Meine Nachricht von dem bevorstehenden Fall Nanci ist als nicht richtig zu bezeichnen. – Nun zu Deinem Brief. Ich hätte eigentlich erwartet, daß das Richtfestgeld Schröder auf beide Poliere gleichmäßig verteilt worden wäre. Gut schreiben kann ich ihm das nicht, da ich in dieser ernsten Zeit keine Meinungsverschiedenheit aufkommen lassen möchte. Raab mußte es wissen, mir wird man keine Schuld zumessen können später. Mit Bauckhage hast Du wohl richtig gemacht. Obwohl Bauckhage und ich, auf der Fahrt nach hier, durch Handschlag wieder Freundschaft geschlossen haben, ich habe ihm dies angeboten. Mit Bewerung ebenfalls. Ob Du Egerling persönlich statt des Kranzes Bargeld giebst, ist wohl angebracht, mußt jedoch dabei sehr vorsichtig sein, damit die Sache nicht wie ein Almosen aussieht. Frau Rein könntest Du auch richtig eine kl. Unterstützung geben, am besten auch in bar. Ich glaube ja allerdings, ich höre es hier so von den Kameraden die unterstützt werden, daß für die Familien reichliche Unterstützungen fließen. Wie gesagt, ist jedenfalls von jeder Seite gut angebracht, eine Unterstützung von Dir in beiden Fällen. Du meinst in Deinem Brief, Du wolltest mir gern mal etwas schicken. Ich schrieb Dir schon, daß ich nötig unbedingt nichts hätte. Du doch sieht jeder von uns mal gerne etwas von Hause ankommen. Wenn Du mir nun gerne etwas von Hause schicken willst, schlage ich vor: Cigarren, Tabak, harte Wurst (Repikwurst[?]), vielleicht Butter, wenn es kälter wird, Chokolade, Pfefferminz. Uebrigens wirst Du in Cigarren und Chokolade so fertige Packungen in Läden kaufen können. Alle Packungen müssen aber in fester Pappschachtel mit Papier eingepackt und gut verschnürt sein. Dann mit Aufschrift wie Feldpostbrief. Vorläufig werden ja keine größeren Pakete, nur als Brief, angenommen. Zu der Briefsendung wird sich jetzt 1 Tag Verzögerung einstellen, da alle Briefe, etc. vom Batl. abgestempelt sein müssen, oder wir müssen selbst frankieren. Meine Muffen schicke mir aber zuerst, denn es scheint kälter zu werden. Nun will ich Dir einiges von meinem Geburtstage [12.9.] erzählen. Zunächst das Menü: Morgens guten selbst gebrauten Kaffee mit Zucker, dazu Komisbrot ohne Butter. Frühstück: Komisbrot mit Wurstaufschnitt. Mittag: Erbsensuppe mit Rindfleisch, zum Nachtisch selbst geholte Pflaumen (Zwetschen sind hier jetzt reif). Nachmittag Kaffee mit Zucker und Komisbrot mit Geleeaufstrich (selbst hergestelltes Mirabellenkraut). Am Abend: selbst gemachte Bratkartoffeln mit Rindfleisch vom Mittag erübrigt. Dazu trafen Mittags die Gratulationen von Dir und den Kindern, Elly und Hugo1, ein. Vorher grat[ulierte] Konr. Husberg. Gegen 5 Uhr kam Speckenbach zur Gratulation und in diesem Moment wurde es auch unsere Wache erst gewahr. Natürlich [?] wurde ich einfach hochgerissen und hochleben lassen, was mich dann 2 M kostete und bei den Unteroffizierposten Bahnhof Noully, 1 Mark. Heute Nachmittag habe ich dann Husberg, Speckenbach u Teutemann (wir sind die einzigen Westfälinger und alle Untfz) zu einem Glase Wein, Bier dürfen wir seit Tagen wegen Ruhrgefahr nicht mehr trinken und hier wird fast nur Wein getrunken, weil billiger, eingeladen ins Bahnhofsrestaurant! Da uns zufällig der Dienst 1 – 2 Stunden frei giebt. Wie Du siehst habe ich, wenn auch im Felde allerhand Abwechselung gehabt. Wenn ich auch das schönst [sic] vermissen mußte, was jedoch durch Eurer Bild in etwa entschädigt wurde. Du meinst, ich glaubte der Krieg sei schnell zu Ende. Nun, wir haben uns mal getröstet bis vor Weihnachten, eher glauben auch hier keine an eine Beendigung. Dies nasse kalte Wetter wird auch eine Hemmung für den Krieg sein. Wir bedauern immer unsere Kameraden die jetzt unter blauem Himmel des Nachts liegen müssen. Was haben wir es doch gut dagegen. Obwohl unser Zelt hier sehr auf der Anhöhe liegt und dem Schlagregen preisgegeben ist, der heute Nacht hier und da und dort durch kam. Wir frischen dann tagsüber jedes Mal unser Stroh auf und helfen dem Uebel ab. Hast Du mein Bild denn noch nicht bekommen, ich habe es direkt ab Metz gehen lassen. Elly muß (will) noch eins haben, hier zu Hause und Elise sollen auch noch eins haben. Die kath. Mannschaften sind heute zum Gottesdienst. Husberg ist zum Essen holen mit den Leuten, wir wechseln immer ab, und bringt die Post. Wir bekommen jetzt mehr Nachrichten vom Kriegsschauplatze wie früher. Morgens und Nachmittags kommen amtliche Telgramme an. Ich deutete Dir schon an, wir würden in Kürze wegkommen. Nun heißt es bestimmt Dienstag. Wir können in Fort Manteuffel zu liegen, was dann geschieht wissen wir nicht. Einige sagen, die jüngsten Jahrgänge, wir haben Landwehr I bei uns, würden ins Reg. 30 kommen, weil schon Verluste gehabt und die Älteren müßten Rekruten ausbilden. Jedoch nur Vermutung. Morgen mehr. Herzl. Gruß und Kuß
Dein Ernst.
Ebenfalls Gruß und Kuß für unsere Kinder

1 Elly Blankenagel und Hugo Trimpop sind verheiratet.

Meine liebe Lydia!

Heute empfing ich Deine Karten vom 1/9 u. 2.9. desgl. eine Karte von Adele Schmeling und auch 1 Paketchen Cigarren von Wendels (5 Stück). Augenblicklich ist es hier noch tagsüber sehr warm. Ich liege jetzt hier auf der Erde im Schatten eines Baumes. Die Nächte haben angefangen kühler zu werden. Ich freue mich, daß wir eine solche ständige Witterung haben, es ist dies sehr von Bedeutung für unsere ganzen Truppen. Jedenfalls werde ich wohl noch 1 Unterjacke haben müssen, bevor es kalt wird. Ich weiß nicht, ob ich mir die am besten in Metz kaufe. Oder was meinst Du? Gestern sind auch die ersten Liebesgaben für unser Batl. bestehend aus Cigarren, Cigaretten, Hemden, Hosen, Strümpfe, Marmelade etc. eingelaufen. Eine Verteilung hat noch nicht stattgefunden. Jedoch gestern die Anfrage gemacht, wer bedürftig für Wäsche sei. Man sieht doch, daß überall wie auch dort für uns gesorgt wird. Ein Frankfurter liegt noch neben mir, übrigens ein Jud, und schreibt ebenfalls seiner Frau. An Raab werde ich in den nächsten Tagen schreiben, wegen der bekannten Angelegenheit. Du meinst, ich hörte dies nicht gerne, aber das darfst Du nicht glauben, Deine Sorgen sind auch meine Sorgen. Obwohl ich nichts Schlimmes befürchte, doch es können Zahlungsstockungen eintreten und besser ist besser. Ich will ihm mal schreiben und er kann dann die Sache mit Dir auch überlegen. Bekommst Du denn bei Machelett ohne Geld noch immer nichts? Eigentlich müßte er doch seinen Verpflichtungen nachkommen, doch Ewald steht nicht im Felde und den Geschäftsgang kenne ich nicht, man wird da Rücksicht üben müssen. Gegen uns wird man allerdings wenig Rücksicht üben und alle Schulden bezahlt haben wollen. Hast Du Dir schon die gesetzliche Unterstützung geholt? Husberg sagte mir, seine Frau hätte sich diese schon geholt. Du wirst die ohne den abgestempelten roten Zettel bekommen. Mußt mal zu sehen wo Du Dich da hinzuwenden hast, ich glaube an das Amt Lüdenscheid. Schenken wollen wir dem Raab nichts, uns wird auch nichts geschenkt. Du meinst ich wäre am Sonntag eilig gewesen. Ich hatte allerdings wenig Zeit zum Schreiben. Ich kam aus dem Feldgottesdienst und ging dann zum Bahnhof Noully, wo gerade der Briefträger stand, der den Personenzug abfertigte und blieb mir gerade so viel Zeit übrig, um 1 Karte in kurzer Abfassung zu schreiben. Schade, daß Du nicht mal einen Blick in unser Biwakleben tun kannst. Manchmal giebt es köstliche Bilder, z.B. wenn Kaffe [sic] gekocht wird, Kartoffel [sic] geschält, Bratkartoffeln gemacht werden oder auch sogar Mirabellen oder Apfel Compott gemacht wird. Heute nachmittag wollen wir sogar versuchen Reibekuchen zu backen. Denke Dir dieses Idyll und alle Familienväter, einer noch mehr Verstand vom Kochen wie der andere. Dazwischen durch den gewaltigen Kanonendonner (jetzt anhaltende 60 Stunden Tag und Nacht in der Richtung auf Toul). Dabei herrscht aber eine unbedingte Zuversicht und Begeisterung, die Du Dir wohl nicht vorstellen kannst. Es muß ein gewaltiges Ringen im Gange, man hört fast nur 1 Dröhnen. Von Fritz, den ich sofort nach Erhalt der Adresse eine Karte geschrieben hatte, hört man noch nichts. Hoffen wir mit Gott, daß er seiner Familie erhalten bleiben möge. Also Egon wächst sehr. Hoffentlich ißt er gut dabei. Ich werde G. Nachrodt im Sinne von Heimfahrt schreiben. Humpert selbst will ich heute auch mal 1 Karte schreiben. Sonst giebt es hier wenig Neues. Hier werden noch immer Befestigungsarbeiten ähnlich wie in Mainz, weiter vervollständigt. Der Staat sichert sich gegen alle Eventualitäten. Die Erntearbeit ist jetzt hier so gut wie beendet. Ein Glück für unser Vaterland, daß die Ernte so gut eingebracht worden ist. Hoffentlich seid Ihr noch alle recht gesund, wie ich es bin. Morgen mehr. Grüße Remscheids Alle! Und unsere Lieblinge. Besonders grüßt und küßt Dich Dein Ernst.

An den Kriegerverein, G. Schmidt u. Grotensohn schrieb ich auch vor 2 Tagen eine Karte. Wird bei Liesen noch gearbeitet?

Meine liebe Lydia!

Empfing heute Mittag 1 Karte vom 23.8. abgestempelt. Wie ich sehe, treffen meine Karten auch regelmäßig ein. Auch ich habe jeden Tag eine Karte oder Brief abgeschickt. Daß Dehnert weg war, wußte ich nicht. Knipp war schon früher, von Baukhage her, bei uns. Wie ich sehe, beklagen sich die Mainzer über schlechtes Essen. Das wird wohl viel davon kommen, daß diese keine Soldatenkost gewöhnt sind. Es giebt hier auch keine Delikatessen, aber doch ist die Kost nicht schlecht. Hugo Trimpop durfte nach meiner Ansicht, trotz seiner Krankheit auch noch nicht sobald zurückkommen, denn die Leichtkranken, wir haben welche, sollen lauf Befehl zu inneren Diensten herangezogen werden. Von den Mainzern habe ich bis jetzt noch nichts gehört. Unsern Hund haben wir noch und hat sich sehr an uns gewöhnt. Husberg Neuenrade kommt als Besitzer des Hundes nach Beendigung des Feldzuges in Betracht. Von den Rahmedern habe ich noch keinen wieder gesehen, außer Speckenbach, wie Du ja weißt. Es ist gut, daß es Frau Speckenbach wieder besser geht. Er sagte mir gestern, daß er erst einen einzigen Brief bekommen hätte. Sind die in Lüdenscheid untergebrachten [sic] Lüdenscheider? Von Hohenlimburg bekam ich heute auch eine Karte, die sind ja am vergangenen Sonntag mir Dir zusammen auf der Brake gewesen. Ferner teilen die mir den Tod von Wencke mit, ferner daß Klinke Wiblingwerde durch Kopfstreifschuß verletzt sei und Ernst Hohage, Haste durch Hüftenschuß. Gestern hatten wir, wie ich Dir bereits durch Karten mitgeteilt, Feldgottesdienst in Failly. Den ganzen Werdegang teile ich Dir später mal, wills Gott, mündlich mit, nach dem Gottesdienst wurde auch das Abendmahl noch ausgeteilt. Es war eine ganz erhebende Feier, für einen jeden. Hörst Du auch ab und zu mal etwas vom Geschäft? Hast Du Dir auch schon mal wieder Geld geben lassen, warte nicht zu lange damit. Raab könnte doch auch gewiß die 1500 M Kaution für die Schule in diesem Falle bekommen, vielleicht wird er noch vorstellig beim Amte deshalb. Ich meine nur in dem Falle, wenn das Geld unbedingt da sein muß. Ebenso könnte er sich die Garantiesumme von Berges, Rövenstrunk, Wagner etc. nötigenfalls geben lassen. Vielleicht spricht Du mal mit ihm darüber. Auch sag ihm, er möchte mir doch von Zeit zu Zeit, so alle acht Tage, den eingeführten Geschäftsgang und Stand brieflich mitteilen. Darf den Briefen allerdings nicht mehr anvertrauen, als was schließlich jeder sehen darf, da immer noch die Gefahr besteht, daß die Briefe geöffnet werden, allerdings die letzten waren zu. Er schreibt mir, er muß jeden Tag bis 12 Uhr nachts vorbereiten, aber es ist in diesem Falle nichts daran zu ändern. Hin und wieder, würde er vielleicht doch noch andere Anstrengungen und Entbehrungen zu leiden haben. Sag Raab, es würde doch wohl nicht nötig sein, daß er für Büro sich einen Techniker hielt. Die Abrechnungen etc. hoffe ich doch noch alle diesen Winter, wenn auch nach Weihnachten zu machen. Im Ausnahmefalle kann er sich ja mal zeichnerische Arbeiten etc durch einen Architekt machen lassen. Wir kommen so glaube ich noch besser weg, als wenn wir ständig einen auf dem Büro haben. Vielleicht berichtest Du mir mal dann darüber. Dann grüße alle Raabs, Remscheids, Schmelings, Bräker und alle die nach mir fragen. Habe heute große Wäsche gehabt: 2 Hemden, 1 Unterhose, Strümpfe. Ist alles noch in tadelloser Verfassung. Mir fällt ein, ein paar gute Muffen, Pulswärmer könntest Du mir wohl stricken. Ende des Monats wird man die auch haben müssen. Ich schreibe Dir noch, wann Du diese schicken sollst. Gruß an Elly. Sonst nicht Neues. Gesund werdet Ihr hoffentlich noch alle sein. Morgen mehr. Herzl. Grüße und Küsse auch für unsere Kinder und auf frohes Wiedersehen. D. Ernst

Eben war ein Bauer aus dem Dorfe hier, der 1 Mann einige Tage zum Mähen haben wollte, ich will das versuchen, Urlaub für 1 Mann zu bekommen. Auf den Feldern sieht man meistens nur alte Männer und Frauen.

Für morgen, Abmarsch 7 Uhr ist wieder 1 Übungsmarsch befohlen, dieses mal geht Husberg mit, wir müssen immer wechseln, ebenso die Mannschaften, wegen der Wache stehen.

Vom Schlachtfelde weiß ich nichts sonderliches zu berichten. Einige kleinere Gefechte sind uns bekannt geworden. Man erwartet jedoch einen entscheidenden Schlag in Bälde.

 

Meine liebe Lydia!

Heute ist Sonntag und so sollst Du auch, weil wir hier sonst vom Sonntage nichts merken, einen Brief als Sonntagsarbeit bekommen. Das Neueste zuerst: 1 Patrouille meldet soeben vom Bahnhof Failly: 1 weiterer deutscher Sieg sei erfochten worden, die Franzosen im Rückzug. Es muß dies in Richtung Diedenhofen sein, weil wir dort ständig, auch jetzt zur Stunde noch, starkes Geschützfeuer hören. Wenn die Sache so weiter geht, werden wir die Franzosen bald überwinden werden. – Nun erfahre meine Arbeit, die ich heute schon geleistet habe. ½ 7 Uhr stand ich auf, ging dann in Gemeinschaft mit Husberg nach St. Noully um uns zu waschen (für mich kein richtiges Waschwasser sonst in der Nähe). Der Bahnhof liegt ca 15 Minuten entfernt. Dann haben wir dort auf den Unteroffizierswache Kaffee getrunken. Dann zurückgekommen, gefrühstückt, Komißbrot mit Stück Wurst und ¼ l Milch. Die Milch kostet hier nur 12 Pf. Dagegen kosten Eier 12 -15 Pf. Diese Lebensmittel holen wir hier in Lervigny. Das Dorf liegt ca. 15 Minuten von hier. Um ½ 9 Uhr ging ich und 1 Wehrmann als Patrouille, immer mit Gewehr und umgeschnallt, um uns die nähere Umgebung mal anzusehen nach Lervigny, dann nach Poixe. Hier besichtigten wir ein Kriegerdenkmal von 1870. Es sind dort ca. 150 Mann gefallen und begraben. Uebrigens sind hier überall in den Feldern Kreuze auf Massengräbern der gefallenen Krieger von 1870 zu sehen. Von dort ging es weiter nach St. Barbe, Hais – Noisville. Um letztere Orte muß 70 heftig gekämpft sein. Hiervon zeugen die vielen Kreuze und Denkmäler. Besonders ist um 1 Brauerei gekämpft worden. Hier soll ein Hauptmann für seine gefallenen Leute eine Gedenktafel für seine gefallenen Leute [sic, 2 x] einmauern lassen. Die Denkkreuze sind auch für franz. Krieger errichtet und jedes Mal extra benannt. Die Franzosen haben hier noch besonders vor 6 Jahren 1 Denkmal errichtet für alle in der Umgebung gefallenen. Ganz in der Nähe ca 15 Minuten ist die sogenannte Totenallee mit 5 – 6 Denkmälern. Unterwegs passierte uns, resp. meinem Begleiter namens Levi, ein Jude, aber ein prächtiger Mann, ein kleines Malheur. Beim Uebersteigen eines Stacheldrahtzaunes zerriß er seine Hose und hatten wir nachher im Dorfe unsere liebe Last, um uns mit den Leuten soweit zu verständigen, weil fast keiner etwas deutsch hier versteht, damit er die Hose wieder gemacht bekam. Von Noirville ging es nach Noully, wo wir uns 1 Glas Bier leisteten, dann nach unserer Wache zurück, wo wir gegen 12 Uhr, also gerade um die Mittagszeit ankamen. Heute gab es zu Mittag Rindfleisch, guten Brocken und Linsensuppe, dazu wird dann Kommißbrot gegessen. Dann kam der Befehl, daß wir nach Vantouse-Vallocres, das ist die übernächste Bahnstation, zum Stabsarzt zwecks Impfung hinkommen sollten. Unt. Husberg ist dann mit der einen Hälfte hin. Ich und die andere Hälfte gehen dann morgen, weil die Wache ja immer zur Stelle sein muß, die werden wohl gegen 7 Uhr hier sein. Bringen die Zeitungen dort was Neues? Das Metzer Blatt, welches wir ziemlich jeden Tag erhalten, bringt sehr wenig. Hier sind die Leute auf den Feldern überall am arbeiten, mähen, einfahren, etc. Die ganze Gegend ist hier rein ländlich und ziemlich eben. Auch wird hier viel Wein gebaut. Du meintest neulich, 1 Zimmermann wollte mich besuchen, das geht doch so einfach nicht. Nach Metz hinein werden durch die Postenkette und auch Bahn nur Leute mit besonderem Ausweis hinein gelassen. Die Sache wird streng gehandhabt. Hier wird jeder, der ohne Armbinde ist, selbst die Landwirte, angehalten. Um 9 Uhr, resp. nach 9 Uhr Abends muß alles in den Dörfern sein, oder er setzt sich der Gefahr aus, durch Posten und Patrouillen erschossen zu werden. Dein Brief war nicht geöffnet, dagegen Raabs doch.

Die Dörfer sind hier auch wie ausgestorben und es ist gut, daß das Wetter so ist. Dann kommt doch noch die Ernte gut ein. Sonst noch alles gesund. Hoffentlich auch dort. Der Kanonendonner hält noch an. Herzl. Grüße und Küsse, auch für unsere Kinder, Dein Ernst. Morgen mehr

Jetzt ist dies der 3. Sonntag hier. 2 Mal haben wir schon Löhnung gehabt. Ich bekomme pro Dekade 13,33. die Mannschaften 4,50, oder pro Tag 1,33 resp. 0,45. Eine Marschgebühr von 2 M erhielten wir extra.
Diese Bahnstrecke ist in der Hauptsache nur für Militärische Zwecke angelegt. Personenzüge verkehren sehr wenig. Diese Woche kamen 12 000 Familien aus Metz vorbei, die die Stadt verlassen mußten, und nach Hessen-Nassau so lange kommen.
Unsere Leute sind durchweg Frankfurter. Soeben passierte die Bahn noch 1 Munitionskolonne, ebenso heute Morgen.
Siehst Du, ich kann immer noch alle 4 Seiten voll bekommen, wie früher. Nun ist die Reihe an Dir. Laß Dir aber ja nur früh genug von Raab Geld geben, weil er doch ziemlich voraus ist, damit Du immer was und reichlich in Händen hast. Nochm. herzl. Gruß u. Kuß. Dein Ernst.

Meine liebe Lydia!

Gestern Morgen von Metz nach hier per Bahn gefahren um 5 Uhr. Mit einem Unteroffizier Husberg aus Neuenrade und 20 Landwehrleuten und 15 Landsturmleuten, meistens Lothringer, müssen wir das [sic] Tunnel beubachen [= beobachten?] um evtl eine Sprengung zu verhüten. Wie lange wir hier bleiben, ist nicht bekannt, höchstwahrscheinlich doch einige Tage. Wir haben Zelte aufgebaut, wo wir nachts schlafen. Wie wir hören, schlagen unserer jüngeren Vaterlandverteidiger sich überall gut durch, sie sollen hier schon nahe vor Nanci stehen. Lüttich ist erobert, und wo nun noch Italien hülft [sic] dürfte unser Erbfeind bald zur Strecke gebracht werden. Mit dem Russen und Engländern wird dann auch nicht lange Hokuspokus gemacht werden. Kanonendonner und Gewehrfeuer verkünden uns von Zeit zu Zeit, daß die Schlacht angefangen hat. – Nun wie geht es denn Dir? und unseren lieben Kindern? Hoffentlich noch ganz gut. Von mir kann ich Dir dasselbe berichten. Bist Du allein oder wer ist bei Dir? Wie geht es mit Geschäfte oder hast Du mit Raab noch nicht gesprochen. Ich habe ihm neulich eine Karte geschrieben! Sind Egon und Marga noch beide zu Hause, oder wo sind Sie. Hast Du auch noch alles? Wenn irgend etwas irgendwo nicht im Lote ist, schreibe es mir, kann dann ja noch manches von hier aus regulieren. Ich liege am Bahndamm und schreibe den Brief. Es herrscht hier augenblicklich eine fürchterliche Hitze. Vorhin haben wir uns mal Mirabellen, die hier in Menge gediehen sind vom Baum flücken [sic] lassen, durch unsere Soldaten. Kartoffeln haben wir uns geholt und uns dann zum Mittagessen zusammengesetzt. Unsere Küche konnte heute noch nicht in Tätigkeit treten und so haben wir uns mal ausgeholfen. Im übrigen sind wir hier so richtig in der Sommerfrische, und schade daß Du diese militärische nicht mal ansehen kannst. Mein Neuenrader Kollege liegt neben mir und schreibt auch seiner Frau. Innerhalb der Festung Mainz, in dessen Bereich wir auch noch liegen, werden überall Schützengräben etc aufgeworfen, die wohl für eine evtl. nötige Verteidigung sein sollen. Hier in unserer Nähe sprechen die Leute noch viel französisch. Nun sollst Du auch wissen, was in unserm Tornister alles mitzutragen ist: 1 Hemd, 1 Unterhose, 3 paar Strümpfe, Hausschuhe, 1 Eiserne Portion, Erbsenpäckchen, 1 Zwiebackpäckchen, Brot, Kaffee, Salz, Mantel, Zeltbahn und ca. 160 scharfe Patronen, außerdem haben wir noch: 1 Koppel, Brotbeutel, Trinkbecher, Feldflasche, Gewehr und Seitengewehr. Immerhin allerhand nicht wahr? Dies wäre für heute das Neueste und da es heute Sonntag ist, wo wir allerdings nichts von spüren, wirst Du wohl mit einem so langen Briefe zufrieden sein. Hast Du von den andern Bekannten noch nichts gehört? Herzl. Gruß und Kuß und auf fr. Wiedersehen. Dein Ernst.