Meine liebe Lydia!

Heute ist wieder Sonntag, den sechsten hier auf Feldwache. Den Besitz Deines Briefes habe ich Dir bereits gestern p. Karte mitgeteilt. Für das schöne Geburtstagsgeschenk in Form des Bildes nochmals innigen Dank. Ihr seid ja alle gut getroffen und würde ich mich mit meinem struppigen Barte dabei wohl schlecht ausnehmen, vielleicht wolltest Du mich in diesem Zustande garnicht auf dem Bilde haben. Obwohl hier auf der Wache, wie sie alle sagen, mein Bart die meisten Fortschritte gemacht. Doch nun Spaß beiseite, die Zeit ist für solche Sachen eigentlich zu ernst und doch gewöhnt man sich in dieser Zeit sehr an die Verhältnisse. Die gestern gebrachte Siegesnachricht: 1 Russisch. Armeecorps geschlagen, hast Du wohl schon gehört. Hier in unserer Nähe sind nur langsam Fortschritte zu verzeichnen. Meine Nachricht von dem bevorstehenden Fall Nanci ist als nicht richtig zu bezeichnen. – Nun zu Deinem Brief. Ich hätte eigentlich erwartet, daß das Richtfestgeld Schröder auf beide Poliere gleichmäßig verteilt worden wäre. Gut schreiben kann ich ihm das nicht, da ich in dieser ernsten Zeit keine Meinungsverschiedenheit aufkommen lassen möchte. Raab mußte es wissen, mir wird man keine Schuld zumessen können später. Mit Bauckhage hast Du wohl richtig gemacht. Obwohl Bauckhage und ich, auf der Fahrt nach hier, durch Handschlag wieder Freundschaft geschlossen haben, ich habe ihm dies angeboten. Mit Bewerung ebenfalls. Ob Du Egerling persönlich statt des Kranzes Bargeld giebst, ist wohl angebracht, mußt jedoch dabei sehr vorsichtig sein, damit die Sache nicht wie ein Almosen aussieht. Frau Rein könntest Du auch richtig eine kl. Unterstützung geben, am besten auch in bar. Ich glaube ja allerdings, ich höre es hier so von den Kameraden die unterstützt werden, daß für die Familien reichliche Unterstützungen fließen. Wie gesagt, ist jedenfalls von jeder Seite gut angebracht, eine Unterstützung von Dir in beiden Fällen. Du meinst in Deinem Brief, Du wolltest mir gern mal etwas schicken. Ich schrieb Dir schon, daß ich nötig unbedingt nichts hätte. Du doch sieht jeder von uns mal gerne etwas von Hause ankommen. Wenn Du mir nun gerne etwas von Hause schicken willst, schlage ich vor: Cigarren, Tabak, harte Wurst (Repikwurst[?]), vielleicht Butter, wenn es kälter wird, Chokolade, Pfefferminz. Uebrigens wirst Du in Cigarren und Chokolade so fertige Packungen in Läden kaufen können. Alle Packungen müssen aber in fester Pappschachtel mit Papier eingepackt und gut verschnürt sein. Dann mit Aufschrift wie Feldpostbrief. Vorläufig werden ja keine größeren Pakete, nur als Brief, angenommen. Zu der Briefsendung wird sich jetzt 1 Tag Verzögerung einstellen, da alle Briefe, etc. vom Batl. abgestempelt sein müssen, oder wir müssen selbst frankieren. Meine Muffen schicke mir aber zuerst, denn es scheint kälter zu werden. Nun will ich Dir einiges von meinem Geburtstage [12.9.] erzählen. Zunächst das Menü: Morgens guten selbst gebrauten Kaffee mit Zucker, dazu Komisbrot ohne Butter. Frühstück: Komisbrot mit Wurstaufschnitt. Mittag: Erbsensuppe mit Rindfleisch, zum Nachtisch selbst geholte Pflaumen (Zwetschen sind hier jetzt reif). Nachmittag Kaffee mit Zucker und Komisbrot mit Geleeaufstrich (selbst hergestelltes Mirabellenkraut). Am Abend: selbst gemachte Bratkartoffeln mit Rindfleisch vom Mittag erübrigt. Dazu trafen Mittags die Gratulationen von Dir und den Kindern, Elly und Hugo1, ein. Vorher grat[ulierte] Konr. Husberg. Gegen 5 Uhr kam Speckenbach zur Gratulation und in diesem Moment wurde es auch unsere Wache erst gewahr. Natürlich [?] wurde ich einfach hochgerissen und hochleben lassen, was mich dann 2 M kostete und bei den Unteroffizierposten Bahnhof Noully, 1 Mark. Heute Nachmittag habe ich dann Husberg, Speckenbach u Teutemann (wir sind die einzigen Westfälinger und alle Untfz) zu einem Glase Wein, Bier dürfen wir seit Tagen wegen Ruhrgefahr nicht mehr trinken und hier wird fast nur Wein getrunken, weil billiger, eingeladen ins Bahnhofsrestaurant! Da uns zufällig der Dienst 1 – 2 Stunden frei giebt. Wie Du siehst habe ich, wenn auch im Felde allerhand Abwechselung gehabt. Wenn ich auch das schönst [sic] vermissen mußte, was jedoch durch Eurer Bild in etwa entschädigt wurde. Du meinst, ich glaubte der Krieg sei schnell zu Ende. Nun, wir haben uns mal getröstet bis vor Weihnachten, eher glauben auch hier keine an eine Beendigung. Dies nasse kalte Wetter wird auch eine Hemmung für den Krieg sein. Wir bedauern immer unsere Kameraden die jetzt unter blauem Himmel des Nachts liegen müssen. Was haben wir es doch gut dagegen. Obwohl unser Zelt hier sehr auf der Anhöhe liegt und dem Schlagregen preisgegeben ist, der heute Nacht hier und da und dort durch kam. Wir frischen dann tagsüber jedes Mal unser Stroh auf und helfen dem Uebel ab. Hast Du mein Bild denn noch nicht bekommen, ich habe es direkt ab Metz gehen lassen. Elly muß (will) noch eins haben, hier zu Hause und Elise sollen auch noch eins haben. Die kath. Mannschaften sind heute zum Gottesdienst. Husberg ist zum Essen holen mit den Leuten, wir wechseln immer ab, und bringt die Post. Wir bekommen jetzt mehr Nachrichten vom Kriegsschauplatze wie früher. Morgens und Nachmittags kommen amtliche Telgramme an. Ich deutete Dir schon an, wir würden in Kürze wegkommen. Nun heißt es bestimmt Dienstag. Wir können in Fort Manteuffel zu liegen, was dann geschieht wissen wir nicht. Einige sagen, die jüngsten Jahrgänge, wir haben Landwehr I bei uns, würden ins Reg. 30 kommen, weil schon Verluste gehabt und die Älteren müßten Rekruten ausbilden. Jedoch nur Vermutung. Morgen mehr. Herzl. Gruß und Kuß
Dein Ernst.
Ebenfalls Gruß und Kuß für unsere Kinder

1 Elly Blankenagel und Hugo Trimpop sind verheiratet.