Meine liebe Lydia!

Heute empfing ich Deine Karten vom 1/9 u. 2.9. desgl. eine Karte von Adele Schmeling und auch 1 Paketchen Cigarren von Wendels (5 Stück). Augenblicklich ist es hier noch tagsüber sehr warm. Ich liege jetzt hier auf der Erde im Schatten eines Baumes. Die Nächte haben angefangen kühler zu werden. Ich freue mich, daß wir eine solche ständige Witterung haben, es ist dies sehr von Bedeutung für unsere ganzen Truppen. Jedenfalls werde ich wohl noch 1 Unterjacke haben müssen, bevor es kalt wird. Ich weiß nicht, ob ich mir die am besten in Metz kaufe. Oder was meinst Du? Gestern sind auch die ersten Liebesgaben für unser Batl. bestehend aus Cigarren, Cigaretten, Hemden, Hosen, Strümpfe, Marmelade etc. eingelaufen. Eine Verteilung hat noch nicht stattgefunden. Jedoch gestern die Anfrage gemacht, wer bedürftig für Wäsche sei. Man sieht doch, daß überall wie auch dort für uns gesorgt wird. Ein Frankfurter liegt noch neben mir, übrigens ein Jud, und schreibt ebenfalls seiner Frau. An Raab werde ich in den nächsten Tagen schreiben, wegen der bekannten Angelegenheit. Du meinst, ich hörte dies nicht gerne, aber das darfst Du nicht glauben, Deine Sorgen sind auch meine Sorgen. Obwohl ich nichts Schlimmes befürchte, doch es können Zahlungsstockungen eintreten und besser ist besser. Ich will ihm mal schreiben und er kann dann die Sache mit Dir auch überlegen. Bekommst Du denn bei Machelett ohne Geld noch immer nichts? Eigentlich müßte er doch seinen Verpflichtungen nachkommen, doch Ewald steht nicht im Felde und den Geschäftsgang kenne ich nicht, man wird da Rücksicht üben müssen. Gegen uns wird man allerdings wenig Rücksicht üben und alle Schulden bezahlt haben wollen. Hast Du Dir schon die gesetzliche Unterstützung geholt? Husberg sagte mir, seine Frau hätte sich diese schon geholt. Du wirst die ohne den abgestempelten roten Zettel bekommen. Mußt mal zu sehen wo Du Dich da hinzuwenden hast, ich glaube an das Amt Lüdenscheid. Schenken wollen wir dem Raab nichts, uns wird auch nichts geschenkt. Du meinst ich wäre am Sonntag eilig gewesen. Ich hatte allerdings wenig Zeit zum Schreiben. Ich kam aus dem Feldgottesdienst und ging dann zum Bahnhof Noully, wo gerade der Briefträger stand, der den Personenzug abfertigte und blieb mir gerade so viel Zeit übrig, um 1 Karte in kurzer Abfassung zu schreiben. Schade, daß Du nicht mal einen Blick in unser Biwakleben tun kannst. Manchmal giebt es köstliche Bilder, z.B. wenn Kaffe [sic] gekocht wird, Kartoffel [sic] geschält, Bratkartoffeln gemacht werden oder auch sogar Mirabellen oder Apfel Compott gemacht wird. Heute nachmittag wollen wir sogar versuchen Reibekuchen zu backen. Denke Dir dieses Idyll und alle Familienväter, einer noch mehr Verstand vom Kochen wie der andere. Dazwischen durch den gewaltigen Kanonendonner (jetzt anhaltende 60 Stunden Tag und Nacht in der Richtung auf Toul). Dabei herrscht aber eine unbedingte Zuversicht und Begeisterung, die Du Dir wohl nicht vorstellen kannst. Es muß ein gewaltiges Ringen im Gange, man hört fast nur 1 Dröhnen. Von Fritz, den ich sofort nach Erhalt der Adresse eine Karte geschrieben hatte, hört man noch nichts. Hoffen wir mit Gott, daß er seiner Familie erhalten bleiben möge. Also Egon wächst sehr. Hoffentlich ißt er gut dabei. Ich werde G. Nachrodt im Sinne von Heimfahrt schreiben. Humpert selbst will ich heute auch mal 1 Karte schreiben. Sonst giebt es hier wenig Neues. Hier werden noch immer Befestigungsarbeiten ähnlich wie in Mainz, weiter vervollständigt. Der Staat sichert sich gegen alle Eventualitäten. Die Erntearbeit ist jetzt hier so gut wie beendet. Ein Glück für unser Vaterland, daß die Ernte so gut eingebracht worden ist. Hoffentlich seid Ihr noch alle recht gesund, wie ich es bin. Morgen mehr. Grüße Remscheids Alle! Und unsere Lieblinge. Besonders grüßt und küßt Dich Dein Ernst.

An den Kriegerverein, G. Schmidt u. Grotensohn schrieb ich auch vor 2 Tagen eine Karte. Wird bei Liesen noch gearbeitet?