Meine liebe Lydia!

Heute ist Sonntag und so sollst Du auch, weil wir hier sonst vom Sonntage nichts merken, einen Brief als Sonntagsarbeit bekommen. Das Neueste zuerst: 1 Patrouille meldet soeben vom Bahnhof Failly: 1 weiterer deutscher Sieg sei erfochten worden, die Franzosen im Rückzug. Es muß dies in Richtung Diedenhofen sein, weil wir dort ständig, auch jetzt zur Stunde noch, starkes Geschützfeuer hören. Wenn die Sache so weiter geht, werden wir die Franzosen bald überwinden werden. – Nun erfahre meine Arbeit, die ich heute schon geleistet habe. ½ 7 Uhr stand ich auf, ging dann in Gemeinschaft mit Husberg nach St. Noully um uns zu waschen (für mich kein richtiges Waschwasser sonst in der Nähe). Der Bahnhof liegt ca 15 Minuten entfernt. Dann haben wir dort auf den Unteroffizierswache Kaffee getrunken. Dann zurückgekommen, gefrühstückt, Komißbrot mit Stück Wurst und ¼ l Milch. Die Milch kostet hier nur 12 Pf. Dagegen kosten Eier 12 -15 Pf. Diese Lebensmittel holen wir hier in Lervigny. Das Dorf liegt ca. 15 Minuten von hier. Um ½ 9 Uhr ging ich und 1 Wehrmann als Patrouille, immer mit Gewehr und umgeschnallt, um uns die nähere Umgebung mal anzusehen nach Lervigny, dann nach Poixe. Hier besichtigten wir ein Kriegerdenkmal von 1870. Es sind dort ca. 150 Mann gefallen und begraben. Uebrigens sind hier überall in den Feldern Kreuze auf Massengräbern der gefallenen Krieger von 1870 zu sehen. Von dort ging es weiter nach St. Barbe, Hais – Noisville. Um letztere Orte muß 70 heftig gekämpft sein. Hiervon zeugen die vielen Kreuze und Denkmäler. Besonders ist um 1 Brauerei gekämpft worden. Hier soll ein Hauptmann für seine gefallenen Leute eine Gedenktafel für seine gefallenen Leute [sic, 2 x] einmauern lassen. Die Denkkreuze sind auch für franz. Krieger errichtet und jedes Mal extra benannt. Die Franzosen haben hier noch besonders vor 6 Jahren 1 Denkmal errichtet für alle in der Umgebung gefallenen. Ganz in der Nähe ca 15 Minuten ist die sogenannte Totenallee mit 5 – 6 Denkmälern. Unterwegs passierte uns, resp. meinem Begleiter namens Levi, ein Jude, aber ein prächtiger Mann, ein kleines Malheur. Beim Uebersteigen eines Stacheldrahtzaunes zerriß er seine Hose und hatten wir nachher im Dorfe unsere liebe Last, um uns mit den Leuten soweit zu verständigen, weil fast keiner etwas deutsch hier versteht, damit er die Hose wieder gemacht bekam. Von Noirville ging es nach Noully, wo wir uns 1 Glas Bier leisteten, dann nach unserer Wache zurück, wo wir gegen 12 Uhr, also gerade um die Mittagszeit ankamen. Heute gab es zu Mittag Rindfleisch, guten Brocken und Linsensuppe, dazu wird dann Kommißbrot gegessen. Dann kam der Befehl, daß wir nach Vantouse-Vallocres, das ist die übernächste Bahnstation, zum Stabsarzt zwecks Impfung hinkommen sollten. Unt. Husberg ist dann mit der einen Hälfte hin. Ich und die andere Hälfte gehen dann morgen, weil die Wache ja immer zur Stelle sein muß, die werden wohl gegen 7 Uhr hier sein. Bringen die Zeitungen dort was Neues? Das Metzer Blatt, welches wir ziemlich jeden Tag erhalten, bringt sehr wenig. Hier sind die Leute auf den Feldern überall am arbeiten, mähen, einfahren, etc. Die ganze Gegend ist hier rein ländlich und ziemlich eben. Auch wird hier viel Wein gebaut. Du meintest neulich, 1 Zimmermann wollte mich besuchen, das geht doch so einfach nicht. Nach Metz hinein werden durch die Postenkette und auch Bahn nur Leute mit besonderem Ausweis hinein gelassen. Die Sache wird streng gehandhabt. Hier wird jeder, der ohne Armbinde ist, selbst die Landwirte, angehalten. Um 9 Uhr, resp. nach 9 Uhr Abends muß alles in den Dörfern sein, oder er setzt sich der Gefahr aus, durch Posten und Patrouillen erschossen zu werden. Dein Brief war nicht geöffnet, dagegen Raabs doch.

Die Dörfer sind hier auch wie ausgestorben und es ist gut, daß das Wetter so ist. Dann kommt doch noch die Ernte gut ein. Sonst noch alles gesund. Hoffentlich auch dort. Der Kanonendonner hält noch an. Herzl. Grüße und Küsse, auch für unsere Kinder, Dein Ernst. Morgen mehr

Jetzt ist dies der 3. Sonntag hier. 2 Mal haben wir schon Löhnung gehabt. Ich bekomme pro Dekade 13,33. die Mannschaften 4,50, oder pro Tag 1,33 resp. 0,45. Eine Marschgebühr von 2 M erhielten wir extra.
Diese Bahnstrecke ist in der Hauptsache nur für Militärische Zwecke angelegt. Personenzüge verkehren sehr wenig. Diese Woche kamen 12 000 Familien aus Metz vorbei, die die Stadt verlassen mußten, und nach Hessen-Nassau so lange kommen.
Unsere Leute sind durchweg Frankfurter. Soeben passierte die Bahn noch 1 Munitionskolonne, ebenso heute Morgen.
Siehst Du, ich kann immer noch alle 4 Seiten voll bekommen, wie früher. Nun ist die Reihe an Dir. Laß Dir aber ja nur früh genug von Raab Geld geben, weil er doch ziemlich voraus ist, damit Du immer was und reichlich in Händen hast. Nochm. herzl. Gruß u. Kuß. Dein Ernst.