Meine liebe Lydia!

Gestern Morgen von Metz nach hier per Bahn gefahren um 5 Uhr. Mit einem Unteroffizier Husberg aus Neuenrade und 20 Landwehrleuten und 15 Landsturmleuten, meistens Lothringer, müssen wir das [sic] Tunnel beubachen [= beobachten?] um evtl eine Sprengung zu verhüten. Wie lange wir hier bleiben, ist nicht bekannt, höchstwahrscheinlich doch einige Tage. Wir haben Zelte aufgebaut, wo wir nachts schlafen. Wie wir hören, schlagen unserer jüngeren Vaterlandverteidiger sich überall gut durch, sie sollen hier schon nahe vor Nanci stehen. Lüttich ist erobert, und wo nun noch Italien hülft [sic] dürfte unser Erbfeind bald zur Strecke gebracht werden. Mit dem Russen und Engländern wird dann auch nicht lange Hokuspokus gemacht werden. Kanonendonner und Gewehrfeuer verkünden uns von Zeit zu Zeit, daß die Schlacht angefangen hat. – Nun wie geht es denn Dir? und unseren lieben Kindern? Hoffentlich noch ganz gut. Von mir kann ich Dir dasselbe berichten. Bist Du allein oder wer ist bei Dir? Wie geht es mit Geschäfte oder hast Du mit Raab noch nicht gesprochen. Ich habe ihm neulich eine Karte geschrieben! Sind Egon und Marga noch beide zu Hause, oder wo sind Sie. Hast Du auch noch alles? Wenn irgend etwas irgendwo nicht im Lote ist, schreibe es mir, kann dann ja noch manches von hier aus regulieren. Ich liege am Bahndamm und schreibe den Brief. Es herrscht hier augenblicklich eine fürchterliche Hitze. Vorhin haben wir uns mal Mirabellen, die hier in Menge gediehen sind vom Baum flücken [sic] lassen, durch unsere Soldaten. Kartoffeln haben wir uns geholt und uns dann zum Mittagessen zusammengesetzt. Unsere Küche konnte heute noch nicht in Tätigkeit treten und so haben wir uns mal ausgeholfen. Im übrigen sind wir hier so richtig in der Sommerfrische, und schade daß Du diese militärische nicht mal ansehen kannst. Mein Neuenrader Kollege liegt neben mir und schreibt auch seiner Frau. Innerhalb der Festung Mainz, in dessen Bereich wir auch noch liegen, werden überall Schützengräben etc aufgeworfen, die wohl für eine evtl. nötige Verteidigung sein sollen. Hier in unserer Nähe sprechen die Leute noch viel französisch. Nun sollst Du auch wissen, was in unserm Tornister alles mitzutragen ist: 1 Hemd, 1 Unterhose, 3 paar Strümpfe, Hausschuhe, 1 Eiserne Portion, Erbsenpäckchen, 1 Zwiebackpäckchen, Brot, Kaffee, Salz, Mantel, Zeltbahn und ca. 160 scharfe Patronen, außerdem haben wir noch: 1 Koppel, Brotbeutel, Trinkbecher, Feldflasche, Gewehr und Seitengewehr. Immerhin allerhand nicht wahr? Dies wäre für heute das Neueste und da es heute Sonntag ist, wo wir allerdings nichts von spüren, wirst Du wohl mit einem so langen Briefe zufrieden sein. Hast Du von den andern Bekannten noch nichts gehört? Herzl. Gruß und Kuß und auf fr. Wiedersehen. Dein Ernst.