Meine liebe Lydia!

Schon wieder einen Brief. Von Dir gestern und heute nichts bekommen. Von Egon eine Karte und von Schmeling die beiliegende Karte. Bin augenblicklich ganz allein auf der Stube. Bin heute Untfz vom Dienst & Untfz hier auf Wache. Alle übrigen sind nach Metz. Ich wollte eigentlich den Brief für Morgen Nacht verwahren, da ich dann auf Wache ziehen muß. Doch da ich heute so ganz allein bin, will ich und kann ich mit meinen ganzen Gedanken bei Dir, bei den Kindern, verweilen. Jetzt sind es morgen schon 11 Wochen das [sic] ich hier bin. Wie die Zeit vergeht. Ob wir in noch mal 10 Wochen alle wieder zusammen sein können und mal einen Sonntag ganz unter uns sein können. Manchmal meint man, es könnte noch länger dauern. – Inzwischen wird Lademacher ja bei Dir gewesen sein. Er war schlecht bei Kasse und habe ihm noch bei seinem Weggang 5 M mitgegeben, wo er mich drum anhielt. Er wollte es mir bei seiner Rückkehr wieder zurückgeben. Er wird Dir unsere Lage ja auch näher beschrieben haben. Es kommen fast jeden Tag vom Landwehr Regiment 30 als geheilt Verwundete zu unserem Batl. zurück, die dann gewöhnlich 14 Tag in die Heimat beurlaubt werden. Lademacher sagte mir noch, daß Bewerunge Kuhlenkeppich (hat eine Tochter von Fischer geheiratet) auch vermißt sei. Heute sah ich in der Verlustliste, daß in Veserde Holzrichter, Heierfeld Kaltenborn leicht verwundet seien. Ich bekomme hier die Lüdenscheider Zeitung, den Bochumer Anzeiger, das Altenaer Kreisblatt und die Westf. Neueste Nachrichten zu lesen. Die beiden ersteren hält Speckenbach, die dritte Husberg und die vierte Schnickmann Altena, Das Tageblatt bekomme ich noch nicht. Hast Du Dich mal an Schwermer gewendet. Heute Morgen hatten wir Gottesdienst in der Reithalle. Die Musik dazu stellte die Fußartillerie. In der vergangenen Woche hielt unser Pfarrer auf der Stube des Abend eine Vorlesung. Eine Erzählung von einer Pfarrerfamilie aus Froschweiler aus dem Kriege 70/71 den Rest der Erzählung sollten wir die ersten Tage hören. Heute waren sehr viele Frauen zu Besuch hier, wie es schien aus nächster Umgebung zum größten Teil. Das Fort ist jetzt mit ca 1500 Mann belegt, im Frieden sonst mit 600 Mann. Der größte Teil davon sind jedoch Reservisten und Rekruten. Ein buntes Leben hier, außer unser Comp. liegen hier nur Artillerie und eine Maschinen Gewehr Abteilung. Nun will ich noch einen kleinen Brief an Egon schreiben. Du weißt ja daß er mir betreffs Deines Geburtstagsgeschenks geschrieben hatte. Er liegt bei. Gestern Abend nach dem Dienst war ich noch auf ein paar Stunden in Metz. Wir sahen dann noch mal eben nach den neusten Depeschen die gegen 7 Uhr zum Aushang kommen. Es scheint nicht mehr so viel Militär in Metz zu liegen wie sonst, man merkt das so, wenn man über die Straßen geht. Wahrscheinlich ist alles, was nicht zur Kriegsbesatzung von Metz gehörte, vorgeschoben worden. Wann wird hier die Entscheidung fallen? Vor den Festungen Verdun Toul soll ein undurchdringlicher Wald sein (Argonnen) den man jetzt verbrennen will, so wird gesagt. Also Morgen nacht mehr. Mit 1000 Grüßen und Küsse, auch für unsere Kinder
Dein Ernst.

Hast Du Dein altes Gewicht denn auch wieder und ist Elly wieder auf dem Damm. Grüße alle Bekannten, spez. Remscheids, Raabs und Familie, Elly.