Meine liebe Lydia!

Gestern kamen wir aus der vordersten Schützenlinie, wie ich Dir schon berichtete, zurück. Gott sei Dank hatten wir während der 4 Tage nur einen Verwundeten. Gestern nun in Bezug auf die Post einen guten Tag gehabt. Denke, 5 Pakete und 5 Briefe bekommen. Da habe ich mich ordentlich dran erholt. Hier spürt man so recht, was es heißt, wenn man fast 4 Wochen nichts von zu Hause gehört hat. Ich bekam Wurst, Zwieback, Arrak, Zigarren und Chokolade. Die Post von heute wird heute Abend empfangen, vielleicht bekomme ich dann auch noch was. Während der 4 Tage wir in Stellung sind, bleibt die Post hier liegen. In den Schützengräben läßt sich die Post nicht verteilen. So kann man während der 4 Tage auch nur sehr schwer Nachricht von sich geben, da meistens die genügende Verbindung nach hinten fehlt. Es können die Post höchstens die „Essenholer“ mitnehmen, die es dann an den Feldküchen abgeben und die nimmt sie mit zurück nach hier. Also sorge Dich nicht, wenn Du mal 4 Tage lang nichts von mir hörst. Die Tage, die ich unten bin, will ich dann nun so richtiger zum Schreiben benutzen. Nun auf Deine Briefe zurück. Ein gut Teil der Fragen habe ich Die schon inzwischen beantwortet. Meine Stellung hier kennst Du ja. Rücksicht auf Alter wird hier im inneren Dienst genommen insofern, als ich keine Korporalschaft zu führen brauche. Draußen geht dies jedoch nicht. Hier muß Alt und Jung seine Pflicht tun. Immerhin werden die älteren etwas respektiert. Daß wir wieder ins Ers. Batl. zurückkommen ist ausgeschlossen. Liesen hat eben richtig Glück. Malten [?] kann dann sich zum Rekruten ausbilden lassen, wie Du meinst, nicht Patrouillengänge, haben wir aus dem Grunde noch nicht gemacht, weil wir stellenweise bis zu 15,00 m an dem Feinde liegen. Unsere Stellung ist direkt am Ypernkanal und direkt gegenüber Ypern, 2 – 3 km entfernt. Heute morgen ist hier Schnee gefallen, scheint aber nicht liegen zu bleiben. Heute bin ich Untfz v. Dienst, muß um 2 Uhr die Kranken vorführen, dann die Portionen, die in die Stellungen morgen mitgenommen werden, empfangen. Außerdem will ein General heute die Quartiere besehen, wo ich auch zugegen sein muß. Speckenbach ist auch revierkrank, hat wunde Füße. Es hieß, und das hatte ich Dir auch schon geschrieben, am 22. bekäm unser Rgt 10 [Tage] Ruhe, jetzt soll die Ruhe erst nach dem 28. sein. Wir kommen dann ca. 15 km zurück. Heute hat hier ein Reservist einen Comp. Schreiber erschossen, aus Versehen. Der Feldwebel, mit dem er Differenzen hatte, hat es sein sollen. In der 11. Comp. ist dies gewesen. Hoffentlich kannst Du dies auch alles lesen, die Schrift ist schlecht. Doch mußt Du berücksichtigen, daß ich auf dem Stroh auf dem Fußboden sitze, nur als Unterlage eine Brieftasche habe, die ich mir beim Weggang von Metz noch gekauft habe. Unsre Post von Metz [ist] noch nicht eingetroffen, soll aber in Werwick liegen und werden wir die nach 4 Tagen dann wohl bekommen. Uns gegenüber liegen wohl Franzosen und Zuawen wie es heißt. Vor uns auf dem Felde liegen viel gefallenen Franzosen, die bei dem letzten Sturm, vor unserm Hindernis gefallen sind und wegen des ständigen Feuers nicht beerdigt werden können. In diesem Jahr sind hier beiderseits die Stellungen behauptet worden. So nun wüßte ich nichts Neues mehr. Auch geht es mir noch gut, den Husten habe ich etwas, weißt ja, daß ich zu Hause auch immer damit zu tun hatte. Dann in 4 Tagen, oder wenn es sich machen läßt, aus dem Graben, mehr. Daß Glörfeld verwundet und bei der 136. war, wußte ich nicht. Das ganze Batl. ist ganz als Ersatzmannschaften auf die Regimenter verteilt worden. Grüße unsre lieben Kinder und alle Bekannten. Und nun mit Gott. Herzliche Grüße und tausend Küsse,
Dein Ernst

Das Tageblatt wird am besten an meine neue Adresse bestellt. Wird jetzt wahrscheinlich nach Metz geschickt.