Meine liebe Lydia!

Heute schon wieder einen Brief. Es ist zwar Montag und doch eigentlich Sonntag für uns, weil diesen morgen um 8 Uhr schon Gottesdienst durch einen kath. Pfarrer. Er sprach sehr eindrucksvoll. Mit dem Liede: Großer Gott wie loben dich begann der Gottesdienst und endete mit: Deutschland, Deutschland über alles. Im Anschluß verlas der Pfarrer für die kath. Mannschaften, die evangelischen konnten abtreten, noch eine Messe. Auf fiel mir, daß er 2mal das „Unser Vater“ betete, einmal für uns und einmal für unsere lieben [sic] in der Heimat, und dabei den Schluß des Gebetes, denn dein ist das Reich , u.s.w. wegließ. Die Katholiken kennen das wohl nicht anders. Jetzt ist es 10 Uhr durch. Diesen Morgen war ich schon auf ein paar Minuten bei Speckenbach. Nach W… wollen wir heute Nachmittag, gestern hatte er keine Zeit. Die Comp. hat Dienst Zielen. Ich war auch mit angetreten. Der Comp. Führer hieß mich wieder wegtreten und sagte, zu diesen kleinen Diensten brauchte ich gar nicht erst zu kommen. Sehr freundlich, nicht wahr! Ich werde mich in Zukunft gerne darnach richten. Daher kann ich Dir jetzt in Ruhe diesen Brief schreiben. Denn wenn alle hier sind, ist es manchmal nicht so ganz ruhig. Denke Dir, alles junges Blut im Höchstalter von 26 Jahren. Ich bin als „Alter“ da ganz allein zwischen, aber im übrigen komme ich ganz gut aus. Ich muß sagen so etwas Respekt macht der Bart doch. – Gestern erhielt ich deinen „ausnahmsweisen“ kleinen Brief vom 22ten und das Paket mit Kuchen, Bonbons etc. Der Kuchen hat gut gemundet und habe ich ihn gestern Nachmittag und diesen morgen Brief zum Kaffee gegessen. Und ihr, im Frauenverein, wollt schon wieder für die Soldaten zum Winterfeldzug arbeiten. Gewiß ganz schön, aber wir möchten den Winter nicht noch mal durchkosten und vorher Frieden haben. Doch Vorsorge ist nötig. Ich muß sagen, daß in letzter Zeit sonst viel Wäsche: wie Hemden, Unterhosen, Strümpfe in der Comp. reingekommen sind. Ueberhaupt fast die ganze Compagnie fast neu eingekleidet sind. Du solltest mich jetzt mal sehen in meiner ganz neuen Kleidung, so gut, als wie zu Beginn des Krieges. Viel zu gut für den Schützengraben. Ich denke R. wird wohl das allernötigste regeln können, viel ist ja in 3 Tagen nicht zu machen. Bei nächster Gelegenheit werde ich noch einmal Bilder machen lassen und sollen dann Elinghaus dann auch eins haben und dann mit Augen. Morgen früh geht es dann voraussichtlich wieder in den Schützengraben, vielmehr erst an den Knüppeldamm. Nun weiß ich aber auch bald nichts Neues mehr. Wie sieht das denn mit Gartenfristen aus? Ist alles gut geraten. Frische Kartoffeln habt Ihr doch gewiß auch schon gehabt? Heute Mittag wollen wir uns auch mal wieder etwas Kartoffeln kochen. Bohnen, die einer geschickt bekommen hat, und 2 Konservenbüchsen dazu warm machen. Wie es dann geschmeckt hatte, schreibe ich Dir morgen. 10 ȹ Kartoffeln kauften wir und zu 6 ₰ pro Pfund bei einem Bauern auf dem Gehöft. Die Leute hier so dicht hinter der Front können wir wirklich nicht von Barbaren sprechen. Alles was genommen wird, wird bezahlt und das ganze Vieh hat man ihm gelassen (8 Kühe). Unsere Feinde würde es wohl nicht getan haben. Nun grüße Remscheids, unsere l. Beiden. Besonders sei Du allerbeste herzlichst gegrüßt und gek[üßt] von
Deinem Ernst