Meine liebe Lydia

Seit gestern bin ich hier in Werwick. Gestern nicht zum Schreiben gekommen. In meiner freien Zeit war ich nach Menin und habe mir eine Mütze gekauft etc, am Abend war eine kurze Freibierfeier. Heut [sic] morgen haben wir schon eine Uebung im Handgranatenwerfen gehabt. Jetzt ist es 12 Uhr. Um 2 Uhr beginnen noch wieder verschiedene Apells. Auch will ich noch eben nach dem Grabe von Teutemann. Die paar freien Stunden will ich dann die Correspondenz erledigen und das ist nicht wenig. Hatte gestern großen Postempfang. Zunächst 7 Pakete: 4 vom Arbeitgeberbund mit allerlei Delikatessen wie Fasanen Pain [?], Oelsardinen, Tabak und Cygarren, gekochten Schinken, 1 Fläschchen Kognak, Wurst. Allerhand was? Von Elise eins mit Cygarren und 1 von Dir mit Äpfel, Apfelsinen und Schnaps. Dann Briefe. Deine vom 21., den langen Pfingstbrief, und Karte von Hohenlimburg, 1 Karte von Fritz W., Brief von Hohenlimburg und 1 do von Raabs. Die einzelnen Sachen will ich dann beantworten. Einige Briefe schicke ich Dir zu Deiner Kenntnisnahme. Margas und Egons Brief erhielt ich aber auch noch.
Zunächst zur Beantwortung Deiner Briefe folgendes: Wie gerne hätte ich die Feiertage bei Euch zugebracht, aber es hat nicht sollen sein. Die Äpfel und Apfelsinen waren vorzüglich, auch alles andere war gut. So etwas aus Deiner Hand schmeckt immer noch am besten, allein die Gedanken dabei bringen manchmal schon eine andere Stimmung. Carl Speckenbach war gestern abend auch hier und hat auch die Nacht bei mir geschlafen. Gegen 8 Uhr diesen morgen ist er nach Corteville zurückgekehrt. Wenn Kattwinkel auch festgeworden ist, dann steht der Betrieb ja fast ganz still, was vielleicht auch am besten ist. Behn & Comp. stellen auch sonst immer dieselben Zahlungsbedingungen, das ist kaufmännisch. Schade, daß Schüssler nicht früher kommen kann. Ueber die gehabte Unterredung mit Raab werde ich ihm schreiben und ihn in einigen Punkten zurechtweisen. Wenn die Differenzen gewesen sind, habe ich ihm jedes Mal gesagt, er möchte mir die Kassenverwaltung allein geben und ich käme dann allein auch dafür auf. Wegen dem Wechsel hätte er einmal mit Basse sprechen sollen, jetzt ist es zu spät, sonst hätte ich mich mal direkt bei Basse erkundigt. Die Hauptsache ist nun, daß die Geschichte mit Bräcker geregelt ist. Schmeling hat dann ja Glück, vielleicht braucht er nicht wieder in die Front. Ein Bild will ich noch mal in meinem neuen Anzug und Charge machen lassen. Alle andern habe ich wohl in meinen Zwischenbriefen beantwortet. Nun noch meine Erlebnisse: Leider hatten wir in Stellung noch in den letzten Tagen infolge Artilleriefeuer und Minen 1 Toten und 7 teils schwer, teils leicht Verwundete. Unsere Nachbarkompanie hatte sogar an einem Tage 16 Verwundete. Wieviel blühendes Menschenleben. Angesichts dieser Momente ist der Krieg doch unbarmherzig, Gott wird wohl wissen, warum diese Opfer gebracht werden müssen. – Als Italien uns den Krieg erklärte, sind in Menin wohl einige Demonstrationen vorgekommen seitens der Zivilbevölkerung gegen Deutschland. Man hat demzufolge die Daumenschrauben etwas fester angezogen. Um 6 Uhr Nachmittags müssen alle Civilpersonen von der Straße verschwinden, alle Läden und öffentliche Lokale geschlossen sein. Ueber 300 Wirtschaften sind geschlossen. Nach 6 Uhr Abends ziehen ständig Patrouillen durch die Straßen. Man sieht daran, daß wir in Feindesland sind. Bis jetzt mitten in der Stadt einquartiert. War gestern eben in alten Quartier, mußten sich über meine Beförderung wundern. Falls mal etwas vorkommen sollte, was meine Person anbetrifft, kannst Du an meinen Putzer schreiben. Seine Adresse hier ist: Herr Reservist Hugo Drees u.s.w. Die Heimat Adresse Hugo Drees, Kollenbusch bei Schwelm, Westfalen.
Sonst nichts Neues. Morgen früh geht’s wieder in Stellung. Wenn möglich morgen. Sei mir herzlichst gegrüßt und geküßt, Allerbeste, von Deinem Ernst.
Gruß an Remscheids und Elly. Gruß und Kuß auch an unsere lieben Beiden.
Heute und auch die vorhergehenden Tage immer schönes Wetter gehabt.
Mit Enders Schuppen will ich mir mal überlegen.