Meine liebe Lydia!
Meine Karte von gestern schätze ich in Deinem Besitz. Jetzt kommt der versprochene Brief. Was ich gestern an Paketen alle bekommen habe, habe ich auf der Karte an die Kinder bereits berichtet. Meinen herzl. Dank für alles. Habe heute schon allerhand erledigt: 1 Brief an Elise, 1 Karte an Netheim, 1 do an die Feuerwehr, 1 do an Wendels und 1 do an die Kinder. Du kommst als letzter [sic] an die Reihe. Du wirst denken, das ist aber nicht recht von ihm. Aber ich muß für Deine Briefe die meiste Zeit verwenden und kann Dir dann, wenn ich alles andere so erledigt habe, alles bis zum letzten Augenblick mitteilen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Obwohl ich keinen Brief von Dir gestern bekam und Deine letzten bereits aus dem Schützengraben beantwortet habe, will ich versuchen den Bogen voll zu kriegen. Der kleinen Schrift nach zu urteilen, muß ich viel wissen. Also meine Erlebnisse der Reihe nach, damit Du Dir so ziemlich genau ein Urteil über meine Lage hier bilden kannst.
Gestern früh um ½ 8 Uhr langten wir in Corteville aus dem Schützengraben an. Dort wurde an der Feldküche Kaffee und Brot empfangen. Nachdem dieser eingenommen marschierten wir in der Reihenfolge 10., 9., 12. Comp. unter Vorantritt der Regimentsmusik nach hier. Trafen gegen 10 Uhr dann hier ein. Umgezogen dann, waren durchnaß geschwitzt, d.h. ich wechselte meine Fußbekleidung, zog statt der Stiefel meine Schnürschuh an. Im übrigen haben wir nur einen Anzug. Dann wurde der Körper vom 4tägigen Schützengrabenschmutz gereinigt. Man kommt sich dann vor, wie aus dem Ei gepellt. Mittlerweile hatte unser Quartiergeber, wir sind wiederum im alten Quartier, uns 1 Teller gute Fleischsuppe auf den Tisch gesetzt, denn [sic] wir dann mit vollem Appetit einnahmen. Dann aßen wir noch Butterbrode, ich hatte als Aufstrich meine Tuben noch. Letztere sind ganz gut, ist nur sehr wenig drin. Dann steckte ich mir eine gute Cygarre an, hatte die noch von Lisettchen, trank dann in einer mir gegenüber liegenden Wirtschaft einen Cognak. Mittlerweile war es Zeit zum Antreten zum angesetzten Apell in eisernen Portionen, der um 130 angesetzt war. Nachdem dieser glücklich vorbei, war Postempfang. Der Zeit halber wurden nur die Briefe ausgegeben. Was ich empfangen habe, teilte ich Dir bereits gestern mit. Einige Karten lege ich diesem Briefe bei. Die kath. Mannschaften hatten direkt im Anschluß daran Antreten zur Beichte, daran baden. Die ev. Mannschaften Antreten zum Baden nach Frankreich. Die Badeanstalt liegt nämlich in dem Stadtteil, der zu Frankreich gehört. Unser Quartier liegt auf belgischer Seite. Gegen 4 Uhr kehrten wir wieder zurück. Danach nahmen wir schnell den Kaffee ein. Ich schrieb dann noch die Karten an Dich und Hugo Trimpop. Um 530 Antreten zum Apell in Schanzzeug, anschließend daran Ausgabe der Paketchen. Was ich alle empfangen, habe ich bereits auf die Karte an die Kinder gesetzt. So war es halb sieben. Wollte dann Speckenbach besuchen fand ihn aber nicht im Quartier. Er ist abkommandiert zum Telephon. Auf wie lange und ob hier in Werwick konnte ich nicht erfahren. Dann ging ich mit meinem bei mir liegenden Kameraden bis um 9 Uhr in die Stadt um 1 Glas deutsches Bier zu trinken. Kostet 15 ₰. Dauert aber eine halbe Stunde bis man ein Glas bekommt, so voll ist das Lokal. Bei diesem Gange brachte ich mir dann ½ Pfd gehacktes mit (kostet 50 ₰). Unser Quartierwirt, er macht das nämlich alles, ist so’n richtiger Hausklüngel, hatte uns Schokolade gebraut [?] und wurde dann zur Nacht gegessen. Gegen ½ 10 Uhr suchten wir dann die Falle auf um uns zu einem erquickenden Schlafe bis gegen 8 Uhr diesen morgen nieder zu legen. Bei der Paketausgabe gestern bekam jeder 1 Hemd und 1 Unterhose von der Comp., als Liebesgabe. Die meisten haben nämlich keine Unterwäsche und tragen viele diese schon seit Weihnachten. Meine empfangenen gab ich einem bei mir liegenden aus Hagen. Ich selbst habe ja die Umwäsche und mehr kann man im Tornister nicht lassen. Die schmutzige Wäsche wurde größtenteils weggeworfen, weil sie durch und durch voll Läuse waren. Vor dem zur Ruhe gehen giebt es manchmal einige [sic] richtige Jagd. Erfolg ist dann, daß ohne Verluste viele „Gefangene“ gemacht werden. Die Leute können dann wenigstens ruhig schlafen. – Jetzt eine Pause gemacht von 315 – 600 Uhr. Exerzieren gehabt. Heute Morgen war für die kath. Mannschaften Kirchgang. Antreten um 830. Die ev. sollten ab 840 exerzieren. Wurde jedoch umgeändert und hatten wir zusammen exerzieren von 10 – 12 Uhr. Es regnete dabei, was vom Himmel runter wollte. Dabei war der Exerzierplatz so aufgeweicht, daß man bis an die Enkel stets im Schlamm marschierte. Die Herren Bataillons- und Regimentskommandierenden waren auch für kurze Zeit zugegen. Um 12 Uhr im Quartier angekommen, zunächst das nasse Zeug an den Ofen gehangen. Dann wurde Essen geholt und zu Mittag gegessen. Unsere Quartiergeber hatten wieder Suppe und Kartoffeln freiwillig dazu gemacht, sogar Sauce hatten sie uns dazu gemacht. Von der Feldküche bekamen wir Wurzelsuppe, die Wurzeln haben wir aus der Suppe gefischt, ebenfalls das Fleisch und dann zu den Sauce Kartoffeln getan und so hatten wir, sagen ich Dir, ein herrliches Mittagessen, wie lange nicht. Natürlich gaben wir von unserm Essen auch ab und die machten es dann gerade so wie wir. So wurde es 1 Uhr. Dann begann ich mit dem Schreiben dieses Briefes. Dazwischen habe ich allerdings Kaffee getrunken, auch hatten wir uns zum Exerzieren um 245 fertig gemacht, das jedoch eine Stunde später anfing, weil wir morgens so durchnaß geworden waren. Aber geschenkt wurde uns nichts, obwohl wir eigentlich mit dem Ausfall gerechnet hatten. Ein um 530 angesetzter Apell fiel allerdings durch diesen Umstand aus. Jetzt haben wir noch um 7 Uhr Postempfang, dann soll für heute das Tagewerk beendet sein. Allerdings glaubte der Feldwebel uns 1 Alarm in Aussicht stellen zu können. Doch wird er wohl diesmal nicht richtig gesagt haben. Nach meiner Meinung haben wir heute genug getan. Morgen ist uns Kirchgang für die ev. Mannschaften um 1000 Uhr und für die kath. Mannschaften um 900 angesagt. Wahrscheinlich ist aber auch noch Apell, wenn nicht exerzieren. Na, hoffen wir mal, daß es nur Kirchgang ist. Für den Sonntag genug, nicht? Der genaue Dienst wird uns jedes Mal abends beim Postempfang bekanntgegeben. – Soeben kriegen wir noch mal Kaffee eingeschenkt. Bekommen immer Milch und Zucker dazu. Vergangenes Mal haben wir die Sache dadurch gut gemacht, daß jeder eine Mark abgab an den Quartierwirt. Diesesmal werden wie unsersmal [?] auch wieder gut machen müssen auf die Art. Die Leute sind wirklich gut. Sprechen gerade über die Abendkost. Als Portion haben wir Speck empfangen, wollen uns dazu Eier kaufen und alles in die Pfanne tun. Hierbei wird die Frau uns allerdings behülflich sein müssen. Bringen es aber auch so fertig. Etwas vom Kochen ich ja nicht? Der Fall Buschhaus ist auch sehr traurig, besonders da er der einzige Sohn ist. Nebenbei will ich noch erwähnen, daß unsere Portionen an Speck, Käse, Butter, Schmalz etc. auch Brot, nicht mehr so groß ausfallen, wie zum Beispiel im Anfang als ich hier war. Man scheint demnach hier sparen zu müssen. Ich leide ja nicht drunter, da ich noch nicht einmal alle Portionen zu nehmen brauche, weil ich von Dir doch reichlich bedacht worden bin. Morgen, dann so Gott will, mehr, hoffe aber von Dir auch etwas heute zu bekommen. Sonst alles wohl. Hoffe auch dort. Herzl. Grüße u. Küsse Dein Ernst.
Grüße auch unsere lieben Kinder, Elly, Remscheids und Raabs. Nun habe ich alles so haarklein geschildert, daß Du Dich genau in meine Lage rein denken kannst. Interessiert Dich das denn auch alles? Raab verspricht mir auf beiliegender Karte einen Brief. Werde sofort nach Erhalt dazu Stellung nehmen. Hoffe noch, daß er zurück bleibt und er altes selbst regeln kann. Mir täte es nur um Kattwinkel [leid (?)]. Wenn er [?] gehen schriftlich. Vielleicht kann er trotzdem bleiben.