Meine liebe Lydia!
Die Post von gestern brachte nichts für mich. Nun soll es mich wundern, ob ich auch alle Seiten voll bekomme, denn ich habe meine Neuigkeiten ziemlich erschöpfend Dir mitgeteilt schon gestern und werde Dir heute nur ziemlich dienstliche Sachen mitteilen können. Am 25. März soll Compagnie – Besichtigung sein. Und daher haben wir jetzt während den Ruhetagen Vor- und Nachmittags einige Stunden exerzieren wie in der Garnison. Es geschieht dies wohl in der Hauptsache, weil die Freiwilligen und Ersatz-reservisten noch manche Mängel in der Ausbildung haben. Heute bekamen wir wieder ca. 20 Mann Ersatz, bestehend aus früher Verwundeten aus dem Standorte des Regiments Zabern. Es heißt, die Comp. sollen bis zur Besichtigung auf volle Kriegsstärke gebracht werden. Jetzt haben wir rund 180 Mann, einschl. den Unteroffizieren in der Comp. Wie wir Weihnachten hierher kamen, hatte die Comp. nur eine Stärke von 120 Mann rund. Zu der Zeit waren viele Kranke. Jetzt ist der Gesundheitszustand der Comp. bedeutend besser. Morgen früh gehen wir – die Zeit ist noch nicht ganz bestimmt – nach Werwick auf 2 Tage. Längere Ruhe, wo ich Dir mal von geschrieben habe, giebt es wohl vorläufig noch nicht. Vorhin war ich noch bei Speckenbach. Es geht ihm noch gut. Unter anderm ließ er mir auch einen Brief von einem Angestellten Enders (Assmann der in der Rathmecke wohnt) lesen, worin dieser ihm den Grund zu den Arbeiterentlassungen bei der Firma an [sic = angab?]. Allerdings ist dies Vertrauenssache und ich habe Speckenbach versprochen zu schweigen. Nachrodt hat nach dessen Aussage die Schuld. Es sind keine Aufträge in Helmbeschlägen mehr eingelaufen, vielmehr ganze Lieferungen beanstandet und zurückgekommen. Statt Nickel haben die Messing vernickelt genommen und so mehr [aus dem Material gemacht] und da sind die Abnehmer hintergekommen. Eigentlich geschieht es ihnen Recht. In mancher Beziehung sind sie uns gegenüber manchmal sehr kleinlich. – In Rußland ja weitere Erfolge: 10000 Russen, 60 Geschütze oder 45 sind viel Kriegsmaterial. In Japan scheint sich auch etwas vorzubereiten und zwar gegen China und damit auch gegen England und Rußland. Japan würde dadurch ohne das [sic] es will, unser Gehülfe; Verbündeter kann man nicht sagen, da das Wort nicht erscheint. Man ist hier allgemein gespannt, was daraus wird. Die Hauptsache wenn es so würde, daß uns der Frieden näher käme. Sonst nichts von Belang . Hoffentlich hast Du dein Beinleiden wieder los, denn Du hast doch jetzt viel um die Hand. So, wenn ich komme, oder besser gesagt, wenn ich mal komme, helfe ich Dir tüchtig, was? Wenn nur erst die Zeit da wäre. Hoffentlich seid Ihr sonst noch alle wohlauf, wie es bei mir Gott sei Dank der Fall bei mir. Grüße unsere lieben Kinder. Besonders sei Du allerbeste herzlich gegrüßt und geküßt von
Deinem Ernst