Meine liebe Lydia!

Durch meine gestrige Karte weißt Du schon, daß ich wie es heißt auf 6 Tage in obengenannter Stadt in Ruhe bin. Gestern bekam ich 1 Paket Zwiebäcke, 1 dto guten [?] Kaffee und 1 mit Wurst Hohenlimburg. Jetzt ist es Sonntag morgen 11 Uhr. Bin soeben vom Gottesdienst, der in einer kath. Kirche, auch für die ev. Mannschaften war, zurückgekommen. Nachmittags haben wir noch Baden und Löhnungsappell, der eigentlich am 21. sein mußte. Deinen Brief vom 15.und einen von Egon sowie 2 Karten erhielt ich ebenfalls gestern. Zunächst zur Beantwortung Deines Briefes. Ich werde Lehrer Schlüter mal in den ersten Tagen persönlich wegen Egons Nachhilfestunden schreiben. Egon selbst bekommt auch einen Brief von mir, vielleicht morgen. Ein paar Kniewärmer habe ich aber genug, ich wasche die denn, wenn ich mal wieder in Ruhe komme. Es wird mir sonst zum Tragen zuviel. Sonst habe ich warme Kleidung genug. Unterwäsche schicke nicht mehr. Diese habe ich jetzt zum Waschen gegeben und dann wechsle ich doch wahrscheinlich erst wieder in 4 Wochen und komme somit gut mit allem aus. Eine wasserdichte Hose ist vielleicht gut, aber die Sache ist doch zu kostspielig. Husberg u Speckenbach sind krank geschrieben. Teutemann liegt hier, sprach gestern noch mit ihm. Nähere Bekannte habe ich keine. Doch giebt es solche in diesem Falle schnell. Hagener, darunter auch 2 Unteroffiziere, und auch einige Mannschaften, Reservisten sind hier. Komm gut mit denen aus. Worin sich meine Arbeit von denen der Mannschaften unterscheidet? Als Untfz habe ich eine Gruppe = 8 Mann (früher; Sektion) zu führen, muß für Verpflegung sorgen, Unterkunft in den Schützengräben an den richtigen Stellen und diese zu kontrollieren. Die Leute müssen dann ständig in erster Stelle Ausschau halten, d.h. wachen. Das brauche ich nicht, aber schlafen geht auch nicht. Höchstens mal ein Nickerchen im Sitzen machen, zum Liegen ist selten Gelegenheit. Doch bei dem ewigen Gewehr- und Artilleriefeuer ist die Ruhe nur ganz minimal. Zu den Reservestellungen giebt es dann manchmal noch Arbeitsdienst, Ausbesserungen an den Schützen- und Laufgräben, Reinigen der Reservestellungen. Hier brauche ich nicht selbst Hand anzulegen, sondern habe nur Aufsicht über meine Gruppe zu üben. – Kannst ja mal etwas Butter schicken. Was man [von zu] Hause von liebender Hand bekommt, schmeckt immer am besten. Daß wir hier weg kommen, dazu liegt wohl keine Annahme vor. Vielleicht durch einen kräftigen Vorstoß hier. Denn es werden immer mehr neue Truppen hier zusammengezogen und es heißt Ende des Monats müßten alle Regimenter hier wieder volle Kriegsstärke haben. Eines [?] wurde heute hier erzählt, aber daran glaube ich nicht. Landwehr II sollte ausgeschaltet werden, weil am 1. Februar genug Rekruten eingestellt werden konnten. Artilleriekämpfe finden täglich statt bei uns. Ich glaube, Dir schon darüber geschrieben zu haben. Besonders unsere Reservestellungen werden arg beschossen, glücklicher Weise zum größten Teil ohne Erfolg. Unser ganzes Batl. ist hier. Ist auf 4 Regimenter verteilt worden. 99, 132, 136 und 171 – Ich schrieb Dir wegen der Muffen, habe ich im Tornister wiedergefunden. Die Sache ist somit erledigt. In den letzten 4 Tagen unsrer Stellung hatten wir durch das Essenholen 2 Verwundete. Den letzten Tag wie wir in Stellung waren, hieß es die Franzosen wollten angreifen. Wir hatten schon Verstärkungen nach vorn geschickt, und alles vorbereitet, aber der Angriff erfolgte nicht. Die Franzosen hatten durch den Kanal eine Patrouille geschickt, diese ist abgefangen (1 Mann gefangen, 2 Mann verwundet) und hatten die Aussage wegen des Angriffs gemacht. Von unsern Aktiven sind nicht viel mehr da. Ich weiß nicht ca 20 Mann. Allerdings sollen noch viele verwundet gewesene in den nächsten Tagen kommen. – Eben eine kleine Pause gemacht. Mittag gegessen, Graupensuppe mit Rindfleisch. Dazu habe ich mir 1 Glas belgisches Bier geleistet, jedoch schmeckt dieses sehr bitter und muß man an den Geschmack sich sehr gewöhnen. Dann habe ich die Haare und den Bart von unserm Comp. Barbier schneiden lassen, damit man menschlicher aussieht.
So, nun gebadet und auch Löhnungsapell gewesen. Mittlerweile ist es 4 Uhr. Nun wird es mir wohl geraten, daß ich den Brief ohne Störung fertig schreiben soll. Für morgen haben wir folgenden Dienst: 9 – 11 Exerzieren, 1130 Feststellen des Gesundheitszustandes durch den Arzt. 130 ab Instandsetzen des Anzuges. 430 Apell und dann ist der Tag wieder rum. Dienst genug, dafür daß es Ruhetage sein sollen. Doch das ist einmal bei dem preußischen Komis einmal nicht anders. Heute werden noch 45 neue Anzüge verteilt. Es sind Leute dabei, die ganz und gar durch den Anzug sind. Die letzten Tage habe wir etwas Frostwetter gehabt. Die letzte Nacht wie wir in Stellung waren hatte es ziemlich stark gefroren, immerhin besser als wie ewig die nassen Tage. – Nun etwas von den Leuten hier. Mit den Leuten kann man sich hier mit unserer platten Sprache ziemlich gut verständigen. Es ist die flämische Sprache, ähnlich der holländischen. Die Leute sind sehr anständig wider uns. Haben allerdings seitens der Deutschen auch nichts auszustehen. Seitens der Deutschen wird der Zivilbevölkerung Beschäftigung nach allen Seiten gewährt. Viele hausieren mit Chokolade, Apfelsinen, Cigaretten u.s.w. und verkaufen diese an die Soldaten, die gute Abnehmer sind. Die Lebensmittelgeschäfte, Wirtschaften, Kaffees etc. scheinen auch noch Geschäfte zu machen, nur haben sie wohl nicht immer Vorrat genug. In den Conditoreien ist nichts zu haben, höchstens Honigkuchen. Gestern Nachmittag wollte ich etwas Gebäck kaufen und Kaffee dazu geben lassen. Doch nirgends war was rechtes. Zuletzt kaufte ich mir harte Plätzchen 10 Stück für 50 ₰. Ging dann in eine Wirtschaft, ließ mir ein Glas Kaffee (Tassen giebt es hier nicht) geben und aß alles zusammen auf – und hätte noch mehr gemocht. Du kannst Dir ungefähr denken wie kluz [?] die Plätzchen waren. Bier ist hier billig, kostet 8 Centime (10 Pfennig). Im übrigen ist alles sehr auf dem Preise. Gleich will ich noch auf eine Stunde raus, die Briefe in den Kasten werfen. (Nach Hohenlimburg habe ich auch einen geschrieben und Emil meine Lage kurz geschildert, Du weißt ja, daß er sehr dafür ist). Und dann eine Wirtschaft in der Nähe des Bahnhofs aufsuchen, wo es deutsches Bier geben soll. Um 8 Uhr soll, oder vielmehr muß, alles wieder in den Quartieren sein. Die mir geschickten Zeitungen und Sonntagsblätter will ich mir verwahren, nur das wichtigste lese ich raus und in den Stellungen auslesen. Bei gutem Wetter geht das, und ist das ein ganz angenehmer Wechsel. So, nun ist mein Wissen bald erschöpft. Morgen schreibe ich an Egon einen Brief und einen an Quinta a. Heute ist keine Post verteilt worden, scheint so, als wenn die Post des Sonntags nicht arbeitete. Bei uns spürt man, außer dem Gottesdienst, wenig vom Sonntag. Nach Wiblingwerde habe ich auch gratuliert. Die Kinder hatten die Geburt angezeigt. Von Inacker erhielt ich gestern eine Karte. Das Batl. hat jetzt 1000 Rekruten zur Ausbildung bekommen. Er scheint nicht entlassen zu werden. Es befremdet mich bald, daß ich von Raab in diesem Jahr noch garnichts vernommen habe, außer einer nackten Neujahrsgratulation. Ich habe mindestens 2 – 3 mal Karten geschrieben. Wenn nicht bald etwas von ihm kommt, muß ich ihn unverblümt bitten, mich künftig geläufiger über den Geschäftsgang zu unterrichten, das ist doch das wenigste, was ich verlangen kann. Nun Schluß und morgen mehr. Hoffentlich giebt es auch von dort Post damit ich besser Stoff zum Schreiben habe. Gruß und Kuß für die Kinder. Bes. grüßt und küßt Dich Dein Ernst.