Meine liebe Lydia!

Heute morgen sind wir in vorderster Linie abgelöst und liegen dann wohl wieder 2 Tage hier in Bereitschaft. Zunächst muß ich etwas widerrufen, was ich auf meiner gestrigen Karte geschrieben habe, nämlich daß heute nicht der 1. Pfingsttag ist, sondern erst morgen. Ich war in den Wochentagen verkommen. Man weiß manchmal wirklich nicht, welchen Tag man hat. Du wirst jedenfalls den Irrtum schon herausgefunden haben. Leider sind wieder 2 Verluste vorgekommen. Ein Ersatz-Reservist tot und ein Rekrut leicht verwundet. Ersterer war verheiratet und Vater von 2 Kindern. Er war erst wenige Wochen bei der Comp. Seine letzten Worten waren wohl, er lebte noch ca. 1 Stunde nach seiner erhaltenen Verletzung: mein Weib, meine Kinder! Wie manche Wunde schlägt doch dieser Krieg, die vielleicht nicht mehr gut zu machen ist. Wir bekommen ziemlich viel Artilleriefeuer und können Gott danken, daß wir vor weiteren Verlusten verschont geblieben sind. Ich für meinen Teil hatte es besser wie sonst und zwar aus folgenden Gründen. Unser Zugführer (ein Leutnant) ist an einer Fußwunde erkrankt und im Lazarett untergebracht. Jetzt mußte ein aktiver Sergeant den Zug übernehmen, der sonst die Feldwebelgeschäfte versieht, für die Dauer der Stellung. Ich mußte dessen Geschäfte jetzt versehen. Habe so keine Gruppe zu führen und kann nachts, wenn nichts besonderes vorkommt durchschlafen. Muß allerdings dem Comp. Führer in dessen Nähe ich mich aufzuhalten habe, zu jeder Zeit zur Verfügung stehen. Am Tage giebt es ziemlich viel zu laufen. Unser Comp. Feldwebel ist jetzt in Werwick mit seiner Schreibstube. Er war die 3 Tage nicht mit in Stellung, dürfte aber wohl heute kommen. Ob wir heute Post bekommen, ist auch nicht bestimmt, erwartet wird sie wohl von jedem sehnsüchtig. Es wäre dann auch wieder mehr Stoff zum Schreiben geboten. Es ist jetzt ½ 9 Uhr Vorm. Habe mich heute morgen schon gewaschen. Alle 3 – 4 Tage kommt dies nur einmal vor und ist dies dann eine wahre Erquickung. Man hat jetzt hier sogar eine Brausebad-Anlage geschaffen, die fleißig benutzt wird. Schnickmann Altena traf ich auch noch heute morgen, seine Comp. löste uns ab. Es ist heute wieder ein herrliches Wetter, sehr warm. Die Pfingsttage scheinen sehr gut zu werden. Wieviel schöner würden sie sein, könnten wir sie zusammen verleben. Manchmal darf man gar nicht daran denken, wie lange es noch dauern könnte, es ist dieser Krieg doch ein wahrer Apell an die Nerven. Und doch hat man die Hoffnung, einmal wieder glücklich in den Kreis seiner Lieben treten zu dürfen und das hilft uns stark zu bleiben und den Kopf hoch zu halten. Jetzt will ich noch erst mal warten mit dem Brief beenden; vielleicht gibt es bis da hier Post. Es ist ½ 11 Uhr. Der Radfahrer kommt eben von Werwick. Die Post kommt. Aber erst mit der Feldküche heute Nachmittag. Gegen 4 Uhr. Will also mit dem fertigschreiben des Briefes warten bis zu der Zeit. Soeben war Postempfang. Es ist jetzt 7 Uhr. Ich bekomme Dein Paketchen mit Gebäck, Deinen Brief vom 17. Von Muhle 1 Karte, 1 Paket mit Plockwurst und Butter. Eines mit Cygarren und Keks. Was sagst Du nun. Dein Paketchen soll mir morgen früh zum Kaffee dienen, als Pfingsttaggebäck. Es soll noch an Euch und an die vorigen Pfingsten erinnern. Wie war da alles anders. Wie lange wird das jetzt noch dauern. Auf Deinen Brief näher einzugehen will ich mir für morgen aufheben. Am 1 Feiertag wird man uns wohl so viel Zeit lassen zum Schreiben. Dann also für heute Schluß. Grüße Alle, besonders sei Du und die Kinder herzlichst gegrüßt und geküßt von
Deinem Ernst