Meine liebe Lydia!

Heute empfingen wir hier die Post. Nach Corteville scheinen wir vorläufig nicht zu kommen. Wie sind heute schon den 9ten Tag (ich den 5ten) in Stellung. Wechseln immer: 2 Tage Reserve, 2 Tage in vorderster Linie. Es ist wie Du auch aus den Zeitungen gelesen hast, seit heute vor acht Tagen auf der Linie hier, eine regere Tätigkeit entfaltet worden. Vorgestern wurde uns folgender Erfolg bekannt gegeben: 3000 Tot, 16 Gefangene, 30 Geschütze und einz. Maschinengewehre. Aus all diesen Gründen bleibt sämtlich hier liegendes Militär in Alarm. Hoffentlich ist oder wird dann durch unsere Erfolge [der Friede [?]] merklich näher kommen. Unsere Stellung ist stark besetzt, doch dürften die Engländer an dieser Stelle keinen Durchbruch versuchen, besonders rechts von uns überall der Kampf noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Zu den vorgestern erzielten Erfolgen hat wohl viel das mit Dir im Urlaub besprochene Verfahren beigetragen. Es ist jetzt gleich 2 Uhr Nachmittags. Augenblicklich höre ich wieder rechts heftiges Artilleriefeuer, es scheint an der umstrittenen Höhe zu sein. Durch diese Umstände werden wir voraussichtlich nicht aus der Stellung kommen und die Post alle 4 Tage hier am Knüppeldamm empfangen. Soweit es mir möglich, lasse ich Dir wenigstens dann alle 4 Tage was zukommen. Sollte die Post jedoch mehr abgeholt werden, kannst Du auf mehr rechnen. Also mach Dir keine Sorgen, wenn die Post nicht pünktlich wie immer ankommt. Wilh. Schnickmann (1.Komp) hat den Angriff, resp. Sturm mitgemacht, sprach noch gestern mit ihm. Seine Frau hatte ihm mitgeteilt, daß ich in Urlaub hier. Wahrscheinlich wird die es durch Diemels erfahren haben. Teilte Dir schon bereits mit, daß Teutemann, Neuenrade, verwundet sei, nun ist er wie ich höre, seinen Verletzungen bei der Einlieferung ins Lazarett gestorben. Auch der Studienkollege Dr. Simons, Leutnant Baumann ist gefallen (5 Comp.) bei dem Sturm auf die umstrittenen Höhe. Er hatte vor Wochen einen Armschuß erhalten und war erst wenige Tage wieder zurück. Er hat einen tödlichen Kopfschuß erhalten. Vielleicht teilst Du das Dr. Simon gelegentlich mit. Die Post wird morgen früh um 9 Uhr abgeholt, wie eben angesagt wird. Gestern sollen sich über 100 Mann gemeldet haben, die Läuse haben und durfte demnach bei eintretender Ruhe die ganze Comp. ins Lausebad kommen. – Mit der Post bekam ich heute folgendes: Drei Briefe vom 16., 17. und 19. mit Einlagen. Außerdem Karte von Egon, C. Gerlach, H. Trimpop. Pakete vom Turnverein mit Makronen, Chokolade, Klümpchen, Bouillonwürfel und 5 Cygarren. Von Wibl. eines mit Mettwurst. Das Hohenlimburger Paket mit Cygarren und Tabak ist nicht angekommen. Emil sagte doch, daß eines abgeschickt wäre. Asbeck hat drei Pakete von Dir erhalten, wie er mir sagt. Zu Deinen Briefen folgendes: einige Fragen haben sich von selbst erledigt, wie mit Husberg und meine Fahrterlebnisse nach hier. Den Brief in R. habe ich mit Interesse gelesen. Zuviel hast Du ihm nicht gesagt, aber doch gehörig eines ausgewischt. Ich will ihm noch heute wegen Enders Schuppen und der evtl. Eintragung schreiben. Hoffentlich bekommen wir dann die Geschichte auf die eine oder andere Art aus der Welt und haben für die Zukunft reine Bahn. Wenn Enders noch keine Zahlung gemacht haben, wendet Euch am besten an G. Nachrodt mit der Bitte um eine a Conto Zahlung von M 600. Der Anbau ist fertig. 1000 sind darauf bezahlt und bekommen wir noch oben angesetzte Summe. Das wäre wohl das geschäftliche. Nun will ich noch Karten an C. Gerlach, H. Trimpop und Brief an Raab, Wiblingwerder und Karte an Turnverein schreiben. Du siehst, ich habe hier allerhand zu tun. Doch werde ich durch kommen. Müßte mich auch heute Abend beizeiten legen, da ich in den 2 Tagen, wegen der erhöhen Aufmerksamkeit nur rund 2 x 5 Stunden geschlafen habe. Haben bis jetzt immer günstiges Wetter gehabt, allerdings waren die letzten Nächte ziemlich frisch. Hast Du eigentlich das Paketchen immer noch nicht bekommen mit der Wäsche? Für Teutemann werden wir Bekannte wohl einen Grabstein in kleiner Ausführung stiften. Müssen jedoch erst wieder in Ruhe sein und auch wissen wo er liegt. Oder auch einen Nachruf in die Westf. „Neueste Nachrichten“ einrücken lassen.
Mit dem Urlaubsgesuch ist von hier aus nichts zu wollen, müssen uns alle gedulden. Hoffentlich dauert der Krieg nicht mehr allzu lange.
Asbeck freute sich königlich über das mitgebrachte Paket und die Grüße seiner Angehörigen. Sein Bruder gab mit am Bahnhof auch noch Wacholder und Cygarren.
Egon danke ich auch für seine Karte und den Brief, nur darf er darüber seine Schulsachen nicht vergessen.
Kannst Du von Klara oder Kattwinkel die Adressen von Reins, Petri und Klein erfahren, möchte Ihnen doch mal schreiben.
Wenn ich nicht in Urlaub gewesen wäre, hätte ich am Ende mit Husberg in Brügge sein können. Man hat in der Comp. wohl darüber gesprochen.
Gruß und Kuß für unsere lieben Kinder. Gruß an Remscheids, Raabs. Besonders herzlichen Gruß und Kuß für Dich allerbeste, Dein Ernst.