Meine liebe Lydia!

Wie ich Dir gestern bereits durch die Karte kurz mitteilte, befinde ich mich seit gestern Morgen auf obenbezeichnetem Orte. Die Comp. liegt etwas abseits von der Ypernerstraße und ist in Baracken einquartiert, teils in einem alten Bauernhofe. Liegen in Alarmbereitschaft, auf wie lange, wird von der Entwicklung der Angriffe hier abhängen. Eigentlich sollten wir unsere 2 Ruhe[tage] in Corteville zubringen, doch infolge der letzten Verluste dort, wurden wir nach Werwick dirigiert. An C. hatten wir bis 615 Abends Arbeitsdienst. Es mußten Verschanzungen gemacht werden. Gegen 9 Uhr kamen wir dann demselben Tag abends in W. an. Wurden dort zu 2/3 in Baracken, zu 1/3 in Privat Quartier einquartiert. Ich habe in einer Baracke gelegen. Nun war ich froh mal eine ganze Nacht wieder schlafen zu können. Denn alle waren wir ziemlich müde. Es kam anders. Morgens um 3 Uhr wurde geweckt. Alles marschbereit halten, hieß es. Kaffee gab es noch. Gegen 5 Uhr kam dann der Befehl zum Abmarsch hierher. In knapp 1 ½ Stunden waren wir dann hier. Wir stehen der 39. Division zur Verfügung. Es war wohl ein allgemeiner Angriff der vorgenannten Division geplant. Infolge des einsetzenden Regens wird es wohl nichts gegeben haben. Wir bezogen dann auch gegen 11 Uhr unsere jetzigen Quartiere. Im großen und ganzen verlief sonst der Tag sehr ruhig. Auch heute ist es noch sehr ruhig. Das Regenwetter hält an. Soll mich wundern, wie lange wir hier liegen bleiben. Bei Arras sollen wir ja Verluste, bzw. Geländeverluste gehabt haben. In Russland soll sich die Zahl der Gefangenen auf über 140 000 erhöht haben. Was wird Italien machen? Heute Nacht habe ich aber sehr gut geschlafen, bis heute morgen um 8 Uhr. Die Post soll heute auch noch kommen. Ehe ich den Brief beende, will ich leise mal abwarten, damit ich die Post gleich beantworten kann. Gestern sollte sie allerdings auch kommen, aber sie kam eben nicht. Es ist aber Krieg, und es kommt meistens alles anders, als wie man es gern hätte. Heute morgen habe ich die Kirschmarmelade angebrochen, schmeckt sehr gut, nur muß man die ganze Büchse sofort aufessen, weil ich diese in angebrochenem Zustanden nicht mehr in den Tornister tun kann. Es müßten da schon Büchsen mit abschraubbaren Deckel sein. Dann hätte ich einige Tage davon gehabt. Das wäres Neuste, und nun will ich mal erst die Post abwarten. Soeben ist Postempfang gewesen. Ich bekam Deinen Brief vom 9.5.15 und das Paketchen mit Butter, Kaffeemehl, Schokolade, Pfefferminz etc. Für alles besten Dank. Ich glaube, Klara ist auf ihre Art wohlwollend beschränkt und mußt Du Dich nicht verdrießen lassen. Das Kontor ist nun einmal oben und würde ich an Deiner Stelle ruhig jeden Tag mal die Sachen durchsehen, die ein und ausgehen. Hohage bekommt das Gehalt, was jeder Leutnant hier bekommt. Es ist gewiß noch fraglich, ob Raab Urlaub bekommt. Sonst nichts Neues, wenn möglich morgen mehr. Eine Skizze lege ich bei von unserer Baracke hier. Vielleicht kann ich die später mal gebrauchen. Hebe sie bitte mal auf. Grüße an Elly und Gruß und Kuß an unsere l. Kinder. Besonders grüßt und küßt Dich
Dein Ernst.
Von dem VerwUntfz Langen bekam ich heute auch ein Kärtchen.