Meine liebe Lydia!

Heute morgen wurde die Comp. um 6 Uhr im Schützengraben abgelöst. Wir liegen jetzt wieder in Baracken hier, wahrscheinlich auf 2 Tage. Soeben hatten wir Postempfang. Ich bekam folgens [sic]: von Dir 3 Briefe vom 5., 6. und 7.5. Egons Karte vom 7. und Margas vom 8. Sodann noch das Paketchen mit Kirschenmarmelade. Zunächst zur Beantwortung Deiner Briefe folgendes: Wilh. Stremburg [?] will ich von hier aus mal eine Karte schreiben. Er hat sich verschrieben, es muß heißen 21. Reservedivision, wie solcher auch auf dem Stempel steht. Also bei dem Hausputz hast Du auch mal wieder mehr getan, wie gekonnt. Eigentlich müßte ich schimpfen, nicht wahr? Remscheids Gruß erwidere herzlichst, so weit wie möglich will ich mich rucken [?]. Sag ihr, es käme manchmal vor, daß wir alle platt am Boden liegen, wenn die engl. Zuckerhüte uns einen Besuch abstatten. Also Inacker ist jetzt Briefträger? Allerhand. Ich möchte es Elly gönnen, wenn die Firma für Hugo mit Erfolg reklamierte. Das habe ich mir wohl gedacht, daß es mit Raabs Urlaubsgesuch nicht so glatt gehen würde. Es wird wohl mit seinem Pfingsturlaub beendet sein lassen müssen. Am besten hätte er es mal nicht sofort an die große Glocke gehängt. Ich will an Dr. Hofmann mal schreiben wegen der Arbeit, auch evtl. an Meyer und Kattwinkel. Wenn Kattwinkel den Polier von Köster auf einige Zeit bekommen könnte, wäre daß [sic] das richtigste. Sag Klara nur, er sollte den Urlaub nur nehmen, wenn er ihn bekommen könnte. Vielleicht wäre Pfingsten schon ein anderer Befehl da, und es gäb überhaupt nichts. Ich bin auch dafür, Daß Du Elly eine Vergütung gewährst. Soll mich wundern, ob das Paket dann noch ankommt. Laß Dir doch den Zahn plombieren oder ausziehen. Ich glaube, Deine Pakete habe ich alle soweit bekommen, ob das Kuchenpaketchen das erste wahr [sic] nach meinem Urlaub, weiß ich wirklich nicht mehr. Ich habe Dir bereits geschrieben, daß Du mir vorläufig nichts mehr, auch keine Butter mehr, schicken sollst. Es ist wirklich Ueberfluß. Ich habe alles reichlich. Jetzt wird Adele und Erich auch erst gewahr, was Krieg heißt. Schreib mir doch mal, in welchem Regiment der Bruder von Elly ist. Für uns sollen auch wieder 25 Mann Ersatz in Werwick sein, die heute noch kommen. Die Comp. ist dann 250 Mann stark. Betreffs des Gesuchs für mich, habe ich Dir meine Bitte bereits mitgeteilt. Sieh also davon ab. Ich möchte Dir nochmals ein Beispiel dafür anführen, daß man die Sache nicht zwingen soll und hinter der Front vom Tode ebenso gut betroffen werden kann: Gerade höre ich von 3 Salven über das Grab eines Vizefeldwebels krachen, welcher zur Feldküche abkommandiert war und gar nicht in den Schützengraben kam. Heute Nacht ist Corteville wieder mit Granaten beschossen worden. Das Unglück hat es gewollt, daß den Feldwebel eine Granate auf seinem Nachtlager erschlagen hat. Es sind noch mehrere eingeschlagen, mehrere Verwundete hat es gegeben. Jener hat doch früher damit gerechnet, daß er seiner Familie erhalten bliebe und ist er von manchem um diesen Posten beneidet worden, Doch Gott hatte es eben anders bestimmt. Und gerade deshalb wollen wir das Glück nicht zwingen. Manchmal denke ich auch an die „schönen“ Maiabende. Es ist auch hier im Krieg selbst noch gut, wenn man von schönen Erinnerungen leben kann. Mit Baukhage wird Raab die Sache regeln. Soviel ich weiß, ist ein Kostenanschlag darüber gemacht. Was Raab ihnen für eine ungefähre Summe genannt hat, weiß ich allerdings nicht. Der Bruder ist wohl der Schwiegersohn von Bals Noell, scheint ja ein guter Advokat zu sein. Wenn wir auf diese Weise billig zu einem Rade kommen könnten, wollen wir für Egon eins kaufen. Es ist aber am besten, er bekommt eins für Erwachsene und kein Kinder-Fahrrad. Ich will mal an Emil schreiben. Mit Japan und China scheint sich die Differenz auf gütlichem Wege zu regeln und denke auch, daß es der Diplomaten Bülows geling, Italien neutral zu halten. Im großen ganzen haben wir hier und auch im Osten zufriedenstellende Erfolge. Aber mit dem baldigen Frieden hat es immer noch gute Wege. Heute mal gut Kaffee getrunken. Asbeck feiert heute seinen 26.Geburtstag und hatte er Kuchen und kleines Gebäck geschickt bekommen, welches wir zum Kaffee gestippt haben. Ich habe ihm meinerseits einen Nelkenstrauß gestiftet, der auf dem Tische prangt. Du siehst, daß wir auch noch im Kriege Geburtstag feiern können. Speckenbach sah ich heute morgen noch nicht, hatte eine Leitung zu legen draußen. Uebrigens soll auch der Techniker Knipp (früher Kramer) hier in meiner Nähe sein, in Huthem. Dient bei den Eisenbahnern. Vielleicht besuche ich ihn heute Nachmittag mal. Dienst ist außer Löhnungsappell [sic] und Instandsetzungen der Sachen heute wohl keiner. Ca. 80 Mann sind hier heute Morgen nach Werwick in die Lauseanstalt gekommen. Morgen mehr, so Gott will. Gruß an Elly. Gruß und Kuß auch für unsere l. Kinder. Besonders Gruß und Kuß für Dich allerbeste Dein Ernst.