Meine liebe Lydia!

Heute einen Sonntagsbrief, den ersten nach dem Urlaub. Meine Karten wirst Du wohl inzwischen erhalten haben. Waren es schöne Tage, was? Wenn nur der Abschied nicht wäre. Aber trotzdem möchtest Du doch auch gewiß nicht, die 10 Tage aus der Erinnerung gestrichen haben. Deine Post habe ich gestern morgen bekommen und dann gleich durchgelesen. Darauf einzugehen erübrigt sich, weil wir alles bereits mündlich besprochen haben. Den Brief, den mir Speckenbach geschrieben, wirst Du wohl erhalten haben. Wir haben jetzt wieder die Ablösung wie früher: 4 Tage Stellung, 2 Tage Ruhe. Für dieses mal brauche ich nicht in Stellung. Die unseren sind heute den ersten Tag in erster Linie. Ich bleibe die Tage bei Speckenbach und schließe mich dann Dienstag früh den unseren an, um mit nach Werwick zu gehen, wo wir auf 2 Tage in Ruhe kommen. Ein Unteroffizier von unserer Comp. ist während meiner Abwesenheit zum Rekruten ausbilden kommandiert worden. Husberg ist ebenfalls zu demselben Zwecke nach Brügge kommandiert worden. Gestern Abend ist rechts von unserer Stellung direkt im Anschluß an unsere Stellung im Halbdunkel ein Gefecht gewesen. Mehr darf ich Dir nicht verraten. Es ging dem Gefecht eine Grabensprengung voraus. Speckenbach ist augenblicklich weg und sieht die Leitungen nach, die infolge des Schrapnellfeuers zerstört worden sind. Es war gestern Abend wieder alles alarmiert. An Raab habe ich gestern eine Karte geschrieben. Erst wollte ich ihm die geschäftlichen Abmachungen brieflich mitteilen, doch erst will ich wissen, ob er meine Karte von hier bekommen hat. Klara wird ihm ja auch wohl den Sachverhalt mitgetheilt haben. An Enders will ich heute auch noch wegen dem Schuppen schreiben, soll mich verlangen, ob sie uns den Schuppen abkaufen. Versuchen will ich es mal, mehr wie nein sagen können sie nicht. Heute ist hier wunderschönes Wetter. In den 10 Tagen ist die Natur mächtig aufgeblüht. Viele Obstbäume stehen schon in voller Blüte. – In Werwick bekommt die Comp. wieder 25 Mann Ersatz, wo die herkommen, weiß ich nicht. Dann sollen wir in den ersten Tagen noch mal 25 Mann bekommen. Die 136er, wo Glörfeld bei, wo und wobei sich viele Lüdenscheider befinden, sind abgelöst und heißt es, die kämen nach den Karpathen. Es heißt die Regimenter im Chor hätten gelost und hätte uns auch das Los treffen können. Die Comp. richtet jetzt eine Wäscherei ein. Das ist jedenfalls eine gute Sache. Es ist dann doch jedem die Gelegenheit gegeben, seine Wäsche zu wechseln und so dem Ungeziefer entgegen zu arbeiten. Nun höre was alle in dem Muhlen Paket war: 15 Cygarren, 1 Pack Keks, 1 ȹ Margarine, 1 ȹ Speck, 4 Apfelsinen, 1 Paket Taback [sic], 1 ȹ Plockwurst, allerhand was! Es ist gut, daß ich nicht gleich in Stellung brauchte, sonst hätte ich verschiedenes zurücklassen müssen. Ich hatte doch ziemlich hierher zu schleppen. Von Hagen aus bekam ich Asbecks Paket dabei. Ein Bruder von ihm war an der Bahn. Seine Mutter stand nachher noch an der Bahn wie ich vorbeifuhr und winkte mir einen Abschiedsgruß nach. Das Paket habe ich ihm gestern durch unsern Radfahrer in die Stellung geschickt. Der Doppelkorn hat ebenso seinen Bestimmungsort erreicht. Mir hatte Asbecks Bruder noch 1 Flasche Wacholder mitgebracht und auch noch Cygarren. Erstere habe ich gestern hier verteilt. Wendels will ich auch noch soeben meinen Dank für die Cygarren abstatten, die ich vor Ostern erhalten habe. Die Sachen vom Kriegerverein erhielt Speckenbach früh morgens. So nun weißt Du wohl alles. Morgen mehr. Grüße Elise und Remscheids. Desgl. Gruß und Kuß für unsere lieben Kinder. Besonders sei Du herzlichst gegrüßt und geküßt, Allerbeste, von Deinem
Ernst
Teile mir jetzt mal mit, was Du vom Geschäfte weißt. Heute arbeiten die Flieger wieder ziemlich. Da in letzter Zeit hier viele Bomben abgeworfen worden sind, muß alles, was nicht dienstlich draußen zu tun hat, im Quartier bleiben.