Meine liebe Lydia!

Gestern und vorgestern bin ich nicht zum Schreiben gekommen. Den letzten Tag in Stellung hatte ich so allerhand um die Hand und wie ich Zeit hatte war der Radfahrer schon da gewesen. Gestern bin ich dann vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen. Liegen in einem neuen Abschnitt in Alarmstellung, inmitten eines Waldes, ganz idyllisch. Doch die Unterstände waren zum Teil schlecht, besonders, den ich beziehen wollte. Und nun gab es nur Bauen, was den ganzen Tag in Anspruch nahm. Nun haben wir aber auch was feines. Allerdings muß man die Stuben, die ca. 1,30 m hoch sind, in gebückter Stellung begehen, und im Sitzen kann man den Kopf gerade tun. Der Comp. Feldwebel, der älteste Untfz und ich haben uns die Wohnung geteilt. Hat auch jeder an seinem Teil zu der Einrichtung beigetragen. Unsere Wohnung besteht aus Flur, Schlafstube und Wohnzimmer. Auch eine Veranda haben wir. In den 2 Tagen bekam ich folgendes mit der Post: Deinen Brief vom 5.7., 1 Karte von O. Wilke vom 5.7., 1 Paketchen mit 20 Cygarren von L. Holzhlg, 1 do von Lisettchen mit allerlei Süßem. Nun zu Deinem Briefe. (Dann bekam ich aber gestern noch 3 Kärtchen: von Egon, Lisettchen und Fritz Wilke.) Hast ja tüchtig Einkäufe gemacht. Da wird es wohl Winter werden, bis Du das alles fertig hast. Ihr werdet dann nun auch wohl den so sehnsüchtig erwarteten Regen bekommen haben. Du willst nicht haben, das [sic] wir lachen, wenn Du mir ein Muster schickst. Das ist auch kein boshaft lachen, aber Du mußt wissen, daß ich meistens mit jüngeren Leuten hier zu tun habe, die unverheiratet sind und die sich gern etwas Spaß machen und haben zumeist mit solchen Sachen etwas Hintergedanken. Zufällig fiel das Restchen bei Entfaltung des Briefes raus, sonst hätte es vielleicht keiner gesehen, denn uns persönlich angehende Sachen, verrate ich nicht. Ich bin Dir für die allergeringste Mitteilung dankbar. Ich bin jetzt immer beim 1. Zug als Stellvertreter; als Führer ist ein Leutnant. Beim 2. Zug ist auch 1 Leutnant, dieser ist jedoch krank und infolgedessen führt Müller solange den Zug. Ob ich übrig bin oder nicht, Urlaub wird wohl vor der Hand nicht zu haben sein. Müller fährt wahrscheinlich jetzt am 25. in Urlaub und bis zu seiner Rückkehr werde ich dann seinen Zug übernehmen müssen.
Dann haben Remscheids ja großen Besuch gehabt. Ja, es soll mich wundern, ob wie Du meinst, bis zur Obsternte der Krieg beendet ist. An Hugo will ich auch mal 1 Kärtchen schreiben, dann Otto und Fr. W., an Elise und Lisettchen und an die Holzhandlung. Neues hat es hier in den letzten Tagen sehr wenig gegeben. Den letzten Tag hatten wir noch einen Leichtverwundeten infolge Gewehrschusses. Trotzdem wir gegen Abend heftig mit kleinen Minen beworfen wurden, hatten wir weiter keine Verluste, nur einigen Materialschaden richteten sie an. Der am 2. Tage schwer verwundet wurde, ist seinen Verletzungen erlegen und wird heute in W. bestattet. 1 Gruppe ist zur Beerdigung dorthin gegangen. Die letzten Tage war ich etwas erkältet. Infolgedessen hatte ich erst am linken Auge, jetzt am rechten Auge ein Gerstenkorngeschwür. Es geht aber wieder besser. Man schwitzt manchmal sehr, dann legt man sich hin und friert dann etwas und schon hat man so etwas weg.
Egon freut sich ja aber über seine Geschenke sehr. Mein Brief ist dann ja zur rechten Zeit angekommen. Hast Du wegen der Steuern schon etwas unternommen? mit deinem Bruder Wilhelm zusammen, wie Dir Schulte angeraten hatte? Sonst nichts Neues, wenn Gott will morgen mehr. Gruß und Kuß an unsere l. Beiden und Elly und Remscheids. Besonders grüßt und küßt Dich, Allerbeste,
Dein Ernst
Eine Karte von den beiden Schlössern von der anderen Seite aus gesehen, wie die neulich geschickten, anbei. Jetzt ist allerdings von dem Schlosse links infolge schwerer Granaten das ganze Dach heruntergeschossen worden.