Meine liebe Lydia!

Schätze Dich im Besitz meines Briefes von gestern. Heute bin ich noch hier geblieben. Diesen morgen habe ich mich zum erstenmale impfen lassen, gegen Cholera. Dann sollte ich heute Nachmittag zum Quartier machen gehen, nach Werwick. Eigentlich müßte unser [sic] Comp. morgen früh 2 Tage nach dort in Ruhe. Doch wie ich gestern schrieb, ist rechts neben unserer Stellung ein Gefecht gewesen. Den Engländern soll es gelungen sein, durch Sprengung ein Stück Graben zu nehmen. Unser 1. Batl. hat in der Nacht darauf den Graben bis auf ein kleines Stückchen zurückerobert. Gestern Abend um 7 Uhr wiederholte sich der Angriff, ist aber abgeschlagen worden. Verluste wird es auf beiden [Seiten] gegeben haben, genau wird man das nicht gewahr. Von unserer Comp. sind 2 Mann tot, 2 Mann verwundet. Waren aber nicht am Gefecht beteiligt. Jedoch erhielten auch sie gewaltiges Infanterie- und Artilleriefeuer. Ich konnte von hier aus das Gefecht beobachten, es war eine fürchterliche Kanonade. Da man für die nächsten Tage, oder vielleicht heute abend noch (jetzt ist es 5 Uhr) einen Angriffsbewegung befürchtet, bleiben alle Comp. in Alarmbereitschaft. So kommt unsere Comp., die heute den letzten Tag in vorderster Stellung, morgen früh zurück auf den Knüppeldamm. Ich werde dann morgen früh gegen 8 Uhr zu der Comp. stoßen. Es scheint bald so, als wollten die Engländer einen Durchbruchsversuch hier machen, womit sie allerdings kein Glück haben dürften. Eine traurige Nachricht muß ich Dir mitteilen. Untfz Teutemann, Neuenrade ist heute früh, oder gestern Nacht lebensgefährlich durch Kopfschuß verwundet worden. Er wird wahrscheinlich nicht durchkommen. Traurig! Hat auch glaube ich Frau und 4 Kinderchen. Heute sind hier auf dem Friedhof 9 Mann beerdigt worden. Wie ich hörte ist in den letzten beiden Tagen keine Post hierher gekommen. Wahrscheinlich geht dann auch keine ab. Nun kann es sein, daß die Post etwas versagt. Auch weiß ich nicht, wie lange die Alarmbereitschaft anhält. Ob es mir möglich ist in den nächsten Tagen zu schreiben, weiß ich auch nicht. Mach Dir deshalb keine Sorgen. Wir wollen alles in Gottes Hand stellen. Sobald ich kann, lasse ich Dir Nachricht zugehen. Bin augenblicklich bei Speckenbach. Das gute Wetter scheint anzuhalten. Sonst weiß ich nichts Neues mehr. Habe meine Umwäsche noch in Werwick, muß mal sehen, wie ich die hierher bekomme. Grüße Remscheids, Raabs, Elise und unsere lieben Kinder. Hoffentlich setzt sich Egon jetzt fester hinter seine Schulbücher. Post werde ich dann wohl von Euch auch in den nächsten Tagen mal bekommen. Nun Gott befohlen!
Dann die herzlichsten Grüße und Küsse, für Dich, allerliebste von Deinem
Ernst.