Meine liebe Lydia!
Gestern empfing von Dir die beiden Briefe vom 1.7. mit der einliegenden Zeitung. Heute morgen um 5 Uhr haben wir unsere alte Stellung bezogen. Ich wohne in Villa „Siegmund“. Diese ist aber nicht so nobel, wie am Knüppeldamm meine Wohnung „Schrapnellecke“. Es fehlen Tisch und Bank und auch die Pritsche. Aber einen Strohsack habe ich. Gegen morgen setzte auf ungefähr 2 Stunden 1 heftiger Artilleriekampf ein. Jetzt ist es wieder ganz ruhig. Furchtbar warm ist es hier und – Fliegen. Du machst Dir keinen Begriff davon. Ich habe heute morgen meinen Posten als Comp. Bauführer angetreten und bin im Nebenamt stellvertr. Zugführer vom 1 Zuge. Meine Leute habe ich an der Arbeit. Um der Fliegenplage entgegen zu arbeiten, lasse ich alle Abfälle und Speisereste zusammensuchen. Diese werden dann in eigens dafür ausgegrabenen Müllgräben geworfen und sofort mit Erde überworfen. Unsere Notdurft verrichten wir auf Brillen mit unterstellten Fässern, die täglich an einem bestimmten Ort entleert werden. Jedesmal nach Benutzung wird der Kot mit einem Schaufel Erde überstreut. Auch Pissoirrinnen sind an verschiedenen Stellen im Graben angebracht. Der Urin wird in Fässer geleitet und diese auch wieder entleert. Zwischendurch werden Aborte und Pissoire mit Chlorkalk durch unsere Sanitäter bestreut, um die Bazillen zu töten. Ueberhaupt wird sehr auf Reinlichkeit gehalten. Du siehst, daß da in sanitärer Hinsicht alles gethan wird. Dieses alles muß ich beaufsichtigen, allerhand was? Ein Teil arbeitet dann an Verbesserungen der Brustwehr, Unterstände, Wasserabfluß etc. Interessiert Dich das auch alles? Lege noch ein Bildchen von der Schützengrabenaufnahme bei, soll noch 4 Stück davon haben. Eben kommen hier aus 2ter Linie Leute vom jungen Landsturm, die dort gearbeitet haben und wollen mal aus Neugierde nach den Engländern schauen. Sie kehren stolz zurück, den Feind haben sie zwar nicht gesehen, aber die Stellung wenigstens.
Nun zu Deinen Briefen. Es ist recht, daß Du Hugo mal Paketchen schicken willst, ist seine Adresse denn jetzt anders als früher? Die Baracken – Aufschrift die C. Blankenagel gelesen hat, war in Corteville, ich sah letztens meinen Namen nah Verewige [?]. Von Baukhagens Urlaubsgesuch hast Du mir nichts geschrieben. Wenn ich mal eines Gesuches bedarf, sage ich Dir früh genug Bescheid. Wenn es der Reihe nach geht, werde ich erst Anfang September drankommen. Du mußt auch wissen, daß G. Nachrodt und Raab dicke Freunde sind und finde ich die Freude ganz begreiflich. Wer hat Dir das denn mit Otto alles erzählt, wohl Elly? Ich freue mich, daß er so gute Freunde hat. Hans [?] Spelsberg hat den letzten auf mich ja auch nah Meyen gewartet, ist aber weil wir später kamen, fortgegangen. Allerdings kann ich mich besser über die Verhältnisse wegsetzen, wie Otto und die andern. Du meinst nun gewiß, ich hätte kein Gefühl für so was? Dann hat Erich ja Malör gehabt. Ja, es geht nicht immer so. Die Lebensversicherungsprämie wird schon angemahnt werden, solange warte mit dem bezahlen. Hast doch gewiß mit Egon gehörig geschimpft wegen den Bonbons und weil er den Pfefferminz verloren hatte. Ich habe noch ziemlich Vorrat davon. Also unsere Miß hat immer noch die alten Gewohnheiten. Ich kann mir ihre Lage ganz gut denken. Ob Kattwinkel dann nur noch 1 Maurer zu bekommen hat? Emil wird dann wohl da gewesen sein. Muß ich mich dann wirklich noch mal abnehmen lassen, ich hatte sonst vor, es während des Krieges nicht mehr zu tun. Wie wünscht Du mich dann und dann soll ich mir in die Augen sehen lassen, ja dann Kind, tue ich das am besten aus nächster Nähe, meine Augen sind nun einmal so klein. Das weißt Du doch. Nun ist es aber genug, muß mich mal wieder um meine Arbeit bekümmern. Habe Dir heute so allerhand erzählt, was? Heute ist ja Egons Geburtstag, was soll er wieder ein „Gedönse“, wie Marga sagt, haben. Grüße Remscheids, Elly, Clara, Adele. Gruß und Kuß für unsere l. Beiden. Besonders grüßt und küßt Dich allerbester, Dein Ernst.
Heute sind wir den 13ten Tag hier. Es heißt am 27. gäbe es 3 Tage Ruhe. Nun Gott befohlen. Wenn möglich, morgen mehr. Nochmals herzl. Gruß und Kuß, Dein Ernst