Erdhöhlen mit etwas Stroh ausgelegt

Meine liebe Lydia!

Nun noch heute nachmittag diesen Brief. Vorhin habe ich noch die Karte abgeschickt. Ich weiß nicht, ob ich morgen Zeit habe zu schreiben. Vorher hatten wir Löhnungsappell, im übrigen ist heute Instandsetzen des Anzuges, das mußt Du Dir natürlich nicht so einfach vorstellen. Dieser ist meistens voll Lehm und Schmutz bis oben hin. Ebenso Gewehr und Gepäck. Wir liegen während der 4 Tage ständig oder auch stehen, abwechselnd in Erdhöhlen, diese sind nur mit etwas Stroh ausgelegt, welches vielleicht schon Wochen liegt. Dann müssen wir manchmal durch Laufgräben, wo man bis an die Knie[?] durch den Schlamm oder das Wasser waten muß. Ich glaube, wenn Du einmal sehen würdest, wie ich aus dem Schützengraben komme. Ich glaube Du würdest mich nicht kennen. Bis an die Knie wickeln wir die Füße ein, mit alten Säcken etc. gegen Eindringen des Schutzes und Wassers in die Stiefel. Mache Dir aber deswegen keine Sorgen, bis jetzt habe ich die Strapazen gut überstanden. Und auch jede Kugel trifft nicht und ich hoffe mit Gott, daß wir noch mal auf ein frohes Wiedersehen rechnen dürfen. Ich könnte Dir noch viele Einzelheiten schildern, doch erzähle ich Dir dies mal später. Es heißt unser Regiment bekäme in den nächsten Tagen Ruhe, infolge der Strapazen.
Heute morgen habe ich schon 4 Karten geschrieben, zu Dir, Raabs, Wiblingwerde, Buck und Innacker. Was gibt es sonst Neues dort? Wie sind die Zeugnisse der Kinder ausgefallen? Hat Raab die Bilanz schon gemacht? Hast Du Geld zum Ausgleich schon von ihm erhalten? Haben wir Aussicht auf die Arbeiten bei Enders? Mein letztes Paket hast Du auch hoffentlich erhalten? Ich lege Dir ein kleines Gedicht bei, was einer der unseren im Schützengraben gemacht hat, woraus [Du] Dir ein kleines Bild machen kannst, wie es bei uns im Schützengraben und Quartier aussieht. Und Du siehst auch, daß der Humor, trotz der ernsten Zeit, zur Geltung kommt.
Ich habe Dir eben unsere Erdhöhlen so düster geschildert, muß doch ergänzen, daß diese mit einer kleinen Feuerung sind, selbst wenn diese im Kochgeschirr gemacht. Auch beleuchten wir diese durch Kerzen. Also immerhin, doch noch etwas wohnlich, nicht wahr? Diesesmal habe ich mein Quartier in einem früheren Kaffee und Eisenbahnstationsgebäude. Natürlich bis zum Dache voll gelegt mit Soldaten. Auf den Herden ist man überall am Kochen, Backen etc. Kaffee wird gekocht, sogar Reibeplätzchen gebacken, u.s.w. Sonst nichts Neues. Sobald ich kann, mehr. Dann mit Gott. Viele herzliche Grüße und Küsse auch für unsere Kinder
Dein Ernst
Grüße alle Bekannten, nur laß auch mal von Dir hören, ich habe Verlangen nach Post von dort!


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