Meine liebe Lydia!
Heute früh aus dem Schützengraben glücklich zurückgekommen. Um ½ 7 Uhr war ich im Quartier. Es wird jetzt immer kurz nach 5 Uhr abgelöst, da es ja um 6 Uhr bereits hell ist. Die Post brachte mir, die um 9 Uhr diesen Morgen ausgegeben wurde, folgendes: Deine Briefe vom 22. und 24., Egons vom 24., von Raab und Muhle einen, von Kuhlenkeppich und Wiblingwerde eine Karte. Außerdem die Paketchen mit Butter und Schinken. Für alles meinen besten Dank. Außerdem von Remscheids 1 Paketchen mit Leberwurst und Sardellenbutter. (An letzterer ist mir nicht viel gelegen, ebenso an der [sic] zuletzt von Dir bekommenen Kräuterkäse nicht).
Zunächst zur Beantwortung Deines Briefes folgendes: Das ist doch Heedfeld von St. Nöll? Hatten wir den Hypothekenbrief von Plate denn bei uns liegen? Raabs Briefe lege ich Dir bei und die Geldangelegenheit hat er ja geregelt. Session ist eine Uebertragung der eigenen Forderung an einen Dritten. Den Gruß der Hohenlimburger erwidere ich herzlichst. Gewiß solltest Dus Geld für Dich wegtun. Ich denke Du hättest nur 500 M gehabt, wie kommst Du zu den 800 M? Oder hast Du abgerechnet mit Ra. bis zum 14. Er schreibt wenigstens so in seinem Briefe. Speckenbach, den ich heute morgen auf einen Augenblick traf, sagte mir, daß seine Frau ihn ebenfalls den Besuch bei Dir mitgeteilt hätte. Auch hatte er mir die Geschichte mit dem Hartspiritus als „Insektenpulver“ erzählt. Wenn Liesen bis zum Kriegsende in Berlin bleiben kann, hat er riesig Glück. Ob Emil denn auch ausrücken muß? Ich sehe, daß Du schon fleißig im Garten gewesen bist. Ja, das hoffe ich aber doch stark, daß ich zur Großebohnenzeit wieder zu Hause sein kann? Es wäre ja ungeheuerlich, wenn der Krieg sich so in die Länge ziehen sollte. Wenn Raab auch mal wieder geplaudert hat, mußt ihm das nicht so sehr verübeln, er ist einmal so. Denken tut er sich wohl weniger dabei. Raabs Brief füge ich Dir bei. Es wäre gut, wenn er wirklich zurückbleiben könnte, denn mit meinen Kommen im Ganzen ist nicht zu rechnen, es würde sich dann Arbeit genügend finden, um das Geschäft im Kleinen zu betreiben und wenn man dann auch nichts verdiente, würden wir wenigstens keinen Verlust haben. Von meinem Urlaub hörte ich noch nichts. Will heute Nachmittag mal beim Feldwebel Nachfrage halten. Mit C. Brinker ist ein weiterer Verlust entstanden. Wird der Krieg noch manche Opfer fordern. Sind doch bei den Stellungskämpfen täglich viele Opfer zu verzeichnen, wie wird das da erst bei einer Offensive. Wir hatten 4 Verwundete, keine lebensgefährlich. Sämmtlich [sic] durch Granatfeuer hervorgerufen. Es waren Granaten mit schwefelartig, betäubender Gase, die in letzter Zeit viel zu uns herüber kommen. Wir können noch von Glück sprechen, daß die Verluste so geringfügiger Art gewesen sind. Denn bedenke: 1 Deckung, wo man drei drin lagen, wurde weggeschlagen, ohne daß einer verwundet wurde, ebenfalls die andere Deckung war mit den 3 Verletzten besetzt, wo ein solcher Treffer sich einstellte. Der 4. Verwundete war ca 200,00 m davon entfernt, er erhielt einen Granatsplitter davon. Wie ein Wunder? Was? Im übrigen hatten wir sehr gutes Wetter, am Tage ziemlich warm, des Nachts ziemlich starken Frost. Ein wirklich schöner Sonntag – gestern, nur noch wie viel schöner, hätten wir den zusammen verleben können und vielleicht einen schönen Familien-Ausflug machen können. Unser Comp. Führer meinte auch gestern, als er mich bei einer Runde nachts von 9 – 11 Uhr im Schützengraben traf, der Spaziergang müßte mir doch Vergnügen machen, bei dem schönen Mondscheinwetter. Ich solle Dir die Nacht mal schildern, es gäbe den schönsten Stoff zu einen Briefe. Dies will ich, so Gott will, mal mündlich machen, ich glaube auch, daß das hier erlebte unvergeßliche Eindrücke auf einen jeden von uns macht. Sonst im übrigen das gewöhnliche Schützengrabenleben. Das Exerzieren soll jetzt mehr ausfallen und dafür mehr Bewegungsspiele gemacht werden. Die Comp. Besichtigung ist ausgefallen, wenigstens vorläufig. Morgen früh geht es nach Danpriel zum Baden. Heute bekam außer einigen Cygarren 1 paar Stümpfe. Wenn ich Urlaub bekomme morgen nach Werwick, gehe ich hin, um auch mal nach den Bildern zu erkundigen und die Wäsche zu holen. Hoffentlich noch alles gesund, wie hier. Grüße unsere l. Kinder, auch Elly. Besonders herzlichen Gruß und Kuß
Dein Ernst.
Wünsche Dir und allem im Hause frohe und gesegnete Ostertage. Ich werde Charfreitag und auch die 2 Ostertage in Stellung verbringen. Jetzt will ich noch an Remscheids, Raabs, Wiblingwerde, Kuhlenk[eppich] und Muhle schreiben. Jetzt wird es so langsam 12 Uhr und giebts erst Mittagstisch.
Ich hoffe über die Versetzung der Kinder gutes zu hören, obwohl es bei Egon sehr in Frage gestellt ist!