Meine liebe Lydia!

Heute morgen nach hier für 3 Tage ins Quartier gekommen. Gegen 8 Uhr waren wir hier. Jetzt ist es 12 Uhr. Nach Ankunft habe ich zunächst eine Körperreinigung vorgenommen, dann gefrühstückt und dann 1 Stündchen gepennt. Habe für heute 1 Bett. Wohn im Kaffé Napoleon. Mußt Dir aber nicht ein Café wie Lüling darunter vorstellen. Jede gewöhnliche Wirtschaft nennt sich hier so. Nun meine Erlebnisse. Leider hatten wir heute morgen kurz vor Ablösung noch einen Toten durch Kopfschuß. Es war ein älterer Ersatzreservist. Im übrigen waren die Tage in erster Linie sehr ruhig, wie lange nicht mehr. Die 1.Comp. löste uns ab. Sprach noch kurz mit Schnickmann. Selbiger ist zum Unteroffizier befördert worden. Er bestellte mir von Husberg, mit dem er zusammen in Reservestellung war, einen Gruß. – Soeben führen die 123er 5 englische Gefangene vorbei, die wahrscheinlich zunächst in der Kirche untergebracht werden. Es waren ziemlich junge Leute noch. Gestern haben wir uns mit den Engländern unterhalten, indem wir 2 große beschriebene Plakate ihnen zeigten. Einer mit der Inschrift. Seit dem 12. Mai über 350 000 Russen gefangen. Das andere lautete. Przemyel von den Germanen erobert. Antwort: Przemyel stimmt, 6000 Deutsche gefangen. Dann die Frage, was macht ihr mit Italien. Unsere Antwort: Hackfleisch. Hierauf sandten sie uns einige Granaten, die ihr Ziel verfehlten. Ein Gruß unsererseits aus Essen beendete das Zwiegespräch.
Die Post soll heute um ½ 3 Uhr ausgegeben werden und um 6 Uhr Löhnungsapell. Hast Du eigentlich die Dir zuletzt gesandten M 15,- erhalten? Wenn es geht will ich mich heute mit meiner neuen Würde abnehmen lassen. Habe sonst hier immer gesagt, ich hätte meinen Feldwebel zu Hause, und jetzt bringen ich selber noch einen mit, ob die sich wohl zusammen vertragen? Jetzt will ich erst die Post abwarten und dann den Brief beenden.
Postempfang ist gewesen. Ich bekam 2 Pakete von Dir mit Gebäck, Wurste und Käse, Kaffeemehl, Bonbons etc. Deine Briefe vom 25., 30. u 31. Egons und Margas Brief., Karten von Ida Wilke, Carl Wilke, Wilh. Isenburg. Beantworten will [ich] die Briefe morgen. Carl Speckenbach ist soeben gekommen und wollen wir bei dem herrlichen Wetter einen Bummel durch die Stadt machen und uns womöglich photographieren lassen. Die Postmitgabe dauerte 1 ½ Stunden. Also dann mit Gott und herzl. Gruß und tausend Küsse für Dich allerbeste
Dein Ernst
Auch Gruß und Kuß für unsere Kinder, an Remscheids etc., Elly.