Meine liebe Lydia!

Wie Du an der Bezeichnung siehst bin ich auch heute noch in Reserve. Wahrscheinlich kommen wir morgen in vorderste Stellung. Diese Nacht von 9 – 4 Uhr war der II. Zug, dem auch ich jetzt angehöre, als Verstärkung in vorderer Linie. Gestern teilte ich Dir kurz meine Beförderung mit. Gestern früh kam der Radfahrer und brachte den Regimentsbefehl mit, dieser lautete ungefähr: „Laut Regimentsbefehl vom 22.Mai 1915 werden der Sergeant Müller und Untfz Trimpop für besonders tapferes Verhalten vor dem Feinde, zu Vizefeldwebeln befördert:“ Ich war Anfang etwas bestürzt, da ich keine Ahnung hatte. Dagegen wußte Müller, daß er zur Beförderung vorgeschlagen war. Der Comp. Feldw. und ebenso die Offiziere haben es aber gewußt. Es war für mich eine wirkliche Pfingstüberraschung. Meine übernommenen Feldwebelgeschäfte mußte ich an einen der ältesten Untfz abtreten. Müller und ich teilen uns dagegen jetzt in der Führung des II. Zuges. Durfte mir jetzt auch einen Burschen zulegen. Dieser ist ein Res. Hugo Drees, in der Nähe von Schwelm zu Hause, ein sehr stiller Mann. Gewehr und Patronentaschen trage ich jetzt nicht mehr, dagegen einen Revolver. Comp. Dienst mache ich auch nicht mehr. Dagegen bekommt dann ab und zu mal Lagerdienst, wenn ich hier in Ruhe bin. Statt Seitengewehr trage ich den Degen, statt Troddel das silberne Portepee und am Kragen noch zwei große Adlerknöpfe. Jetzt kannst Du Dir denken, wie ich ungefähr aussehe. An Löhnung werde ich jetzt 21 M die 10 Tage erhalten. Einen ausgeben wollen wir Beiden auch. Da kommen wir nicht vorher. Dies wird wohl der Fall werden, wenn wir zum erstenmale in Ruhe kommen. Eine Schirmmütze muß ich auch haben. Statt der gewöhnlichen Kokarden muß ich jetzt silberne Kokarden an der Mütze haben. Das Portepee muß ich auch selbst bezahlen. Mütze 5 – 6 M, Portepee 5 – 6 M und für Freibier ca 10 M, werde ich wohl an Auslagen haben. Von der Comp. bekommen wir demnächst 30 M Kontributionsgelder für den Mann ausbezahlt. Hier in Stellung trage ich aber das gewöhnliche Seitengewehr. 2 M gab ich gestern für den Nachruf „Teutemann“ aus. – Bei der Postausgabe bekam ich gestern Deine Karte vom 20.5. den im Brief Dir zugeschickten Karten von W. Isenburg, Luischen, Behn & Comp. Pakete wurden nicht ausgegeben. Heute soll die Post noch mal kommen. Habe heute schon allerhand Post erledigt: an Dich, W. Isenburg, Eure zu Hause, an Luischen, nach der Baracke, Leutnant Schumacher, Uhlmann, Raab, Muhle, im ganzen 8 Karten und 2 Briefe habe ich geschrieben. Allerhand, nicht. Bis gegen 10 Uhr habe ich diesen Morgen geruht. Es ist hier furchtbar warm. Sitze in Hemdsärmeln im Unterstande und schreibe. Es ist jetzt gleich 2 Uhr. Will jetzt frühstücken und dann noch einige Stunden ruhen. Die nächsten Tage wird es wohl wenig Schlaf geben. Schnickmann lag auch gestern hier, die sind gestern Abend nach Gheluwe oder in die Nähe davon marschiert.
Diese Nacht habe ich meine Brieftasche verloren, ein Mann der 8. Comp. brachte sie mir diesen morgen zurück. Nun weiß ich aber wirklich nicht, was ich noch schreiben soll. Es geht Euch hoffentlich noch gut. Ich bin noch wohlauf. Kannst Du alles lesen, habe eine sehr schlechte Stellung zum Schreiben. Also dann Gott befohlen. Grüße Elly und Remscheid. Gruß und Kuß auch für unsere Kinder. Besonders herzl. Gruß und Kuß für Dich allerbeste
Dein Ernst