Meine liebe Lydia!
Kam heute morgen in den Besitz Deines Briefes vom 28/10 und der Karte Egon vom 27. Mein Brief vom 12.v.M. hat also sehr lange nach dort gebraucht. Das Paket von Raab noch nicht gekommen. Vorläufig habe ich noch Eßwaren zur Genüge. Ich will Dir schreiben, wenn ich ein großes Paket nötig habe. Vielleicht glückt es mit meinem Urlaub, und dann kann ich mir ja selbst was mit nehmen. Also warte erst mal ab. Aber Muffen brauch ich wohl keine mehr, doch wenn Du einmal welche fertig hast schicke sie, evtl kann die hier gewiß noch ein anderer gebrauchen. Ja, ich glaube auch, es wäre besser, der Krieg wäre zu Ende und ich könnte mit im Geschäft wieder tätig sein. Doch das ist nun einmal nicht, und werden hoffentlich die Kunden ja auch darauf Rücksicht nehmen. Wie Du schreibst hat Hulda ihre Sachen gepackt. Kannst Du es diesen Winter auch allein, sonst wäre es schon besser gewesen, Du hättest sie behalten? – Diese Woche haben wir in der Comp. einen ziemlich unregelmäßigen Dienst, da wir ganz auseinander gerissen sind. Ein Teil ist in Charly und hält Geschützwachen, 1 Teil ist in Fort May und macht Infanterieschanzproben und 1 Teil auf Fortwache hier. Es heißt in 10 Tagen würden wir von der 4. Comp. abgelöst und wir kommen dann wieder an unsere alte Stelle im Fort. Ich für mein Teil werde teils als Aufsichtshabender in May und teils als Machthabender hier im Fort meine Arbeit finden. Doch und haben wir es jetzt tausendmal besser wie unsere Kameraden, die in der Front liegen und allerhand Entbehrungen zu tragen haben. Ein Untfz Teutemann in Neuenrade ist heute zum Kompagnieführer und fragt um Urlaub. Ich bin gespannt, ob er länger als wie 5 Tage bekommt. Speckenbach ist, wie ich Dir schon schrieb, glaub ich, mit nach Charly. Inacker bleibt wohl bei unserer Comp. Habe ihn jedoch heute Morgen noch nicht gesehen. Es ist jetzt glaub ich gleich 12 Uhr und dann giebt es Bohnensuppe mit Schweinefleisch. Heute morgen habe ich geschlafen bis ½ 11 Uhr von gestern Abend um 8 Uhr. Und dies kann man, weil auf der Wache die Schlafgelegenheit schlecht ist, und konnte ich dort keine halbe Stunde schlafen. Es ist gut, daß die Kinder wieder besser sind. Hoffentlich seid Ihr alle wohl auf. Von mir gilt dasselbe. Also dann guten Appetit und morgen mehr. Deinen Brief habe ich heute morgen im Bett gelesen, ebenso Egons Karte und die beigelegte Zeitung mit den schönen Gedichten, Also haltet Euch alle gesund und munter und sei herzlichst gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.
[Außen auf dem Umschlag:]
Untfz Teutemann Neuenrade fährt auf 7 Tage in Urlaub und habe ich ihm den Brief mitgegeben, den er zur schnelleren Beförderung in Werdohl in den Kasten werfen soll.
briefumschlag_3-11-1914