Meine liebe Lydia!
Heute Morgen glücklich aus dem Schützengraben zurückgekommen. Unser erster Dienst war um 10 Uhr Postempfang. Ich bekam Briefe von Dir vom 8., 9. und 10.2. Von Egon 1 Brief, 1 Egon [sic] 1 Karte von Raab und Otto Trimpop. Dann Pakete von Euch. Eines mit Keks und Pastillen, 1 mit wärmenden Getränken und eines vom Turnverein, dort mit einer guten Wurst. Nun zunächst zur Beantwortung Deiner Briefe. (Doch noch vorher meinen inigsten [sic] Dank für alle das Liebe aus Garten, was mir zugedacht worden. Ich glaube ich habe den Dank habe [sic] ich in den letzten Briefen überhaupt vergessen, was ich hiermit gern nachhole.) Daß der Schützengraben von unserm Regiment genommen, habe ich Dir schon geschrieben, auch wie wir tags drauf die Verluste gehabt haben. Auch, daß ich noch weiter in den Schützengraben gehe, ist schon durch meine vorhergehenden Briefe erledigt. Mit Mettberg wäre das umso trauriger, wenn die Sache so ist, wie Du uns schreibst. Ich glaube es ist besser, Du siehst uns jetzt nicht. Aber wenn wir später mal die Stelle meiner jetzigen Tätigkeit sehen könnten, das wollen wir uns mal vornehmen, wäre interessant. Tempelmann ist Offizier und diese haben, soviel ich gesehen und gehört habe, mehr das eiserne Kreuz. Das Kreuz hat viel an Ansehen verloren, weil es an vielen Stellen nach Gunst und Gabe verteilt wird. Wenn Du mir die Bouillonwürfel in eisernen Behälter (Kästchen) schicken kannst, tutel [?] es bitte. Da wir nun im feuchten sind, zerfallen oder zerdrücken die Würfel sich leicht. Es giebt im Schützengraben an 3 Tagen warmes Essen gegen Abend und 2 mal Kaffee am Tage. Doch steht die Feldküche weitab und muß alles erst aufgewärmt werden. Am letzten Tage giebt es nur Kaffee. Mittagessen giebt es dem andern Morgen früh, bei unserm Eintreffen hier. Stellenweise darf überhaupt kein Feuer gemacht, weil wir sonst sofort dem Granatfeuer ausgesetzt sind. Eine solche Stelle hatte ich jetzt die letzten 2 Tage. Gott sei Dank, erfreue ich mich bester Gesundheit, sogar mein Husten hat sich gelegt. Man ist aber abgehärtet. Ich muß mich selbst wundern, daß ich dieses alles so mitmachen kann. Husberg ist in der 9. Comp. Hoffentlich braucht Raab nicht weg. Sobald ich das avisierte Paket von ihm habe werde ich ihm schreiben, auch vielleicht früher noch und alle geschäftlichen Angelegenheiten mit ihm besprechen. Daß Enders immer knausern und jetzt noch mehr knausern ist in Anbetracht des Krieges und der opferfreudigen Zeit ein trauriges Zeichen. Bei denen ist in der Hauptsache ein Geschäft in die eigene Tasche. Nachrodt ist in dieser Beziehung der richtige Mann dafür und macht sich doppelt verdient. Sollte Ra. gezogen werden, was ich nicht hoffe, so müssen wir einem Vertrauensmann unsere Angelegenheiten in die Hände geben. Unsere Verpflichtungen ruhen dann auch. Vor allen Dingen muß er uns die noch guthabenden M 500 besorgen, und auch sonst sorgen, daß beide Familien was in den Händen haben. Daß Egon mir ein Paket geschickt hat, habe ich übersehen, nur danke ihm jetzt noch dafür. Marga danke ich ebenfalls für das letzte Paket herzlichst. Nun meine letzten Erlebnisse in den 4 Tagen. 2 Tote und 3 Verwundete (ganz leicht) haben wir zu beklagen. Der eine diente noch aktiv, der andere war Ers.Res. Neben unserer Stellung nahmen bayr. Regimenter einige Schützengräben, nahmen 300 Engländer und Inder gefangen. Was sonst an Kriegsmaterial erbeutet wurde, ist mir nicht bekannt. Auch gestern versuchten die Franzosen neben uns einen Angriff auf die Bayer, doch es [waren?] nur [?] wenige Mann aus dem Graben, das Feuer war vernichtend. Da unsere Artillerie auch einsetzte, wurden auch wir stellenweise vom Granatfeuer überschüttet, und ist es ein Wunder, daß wir keine weiteren Verluste hatten. Einige Ueberläufer hatte die Comp. neben uns auch. Der große Russensieg wurde uns heute bekannt gegeben. Man sollte meinen, die Widerstandskraft der Russen wäre endgültig gebrochen und könnte von dort Verstärkung erwarten, daß es auch hier zum Klappen käme. Nun Schluß, morgen mehr. In den 4 Tagen Ruhe 4 Briefe, dann bist Du doch zufrieden? Es heißt zum 28. können wir zur längeren Ruhe wieder nach Menin. Grüße unsere lieben Kinder. Besonders sei Du allerliebste herzlichst gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst.