Meine liebe Lydia!

Heute bekommst Du auch mal wieder einen Brief. Es ist jetzt 12 ¼ Uhr. Bis 11 Uhr habe ich geschlafen von 6 Uhr ab. Diese Nacht hatte ich von 11 – 1 und 5 – 6 Grabendienst. Nachdem ich aufgestanden, habe ich zunächst einmal gefrühstückt und mich dann gewaschen. Zu letzterem hat man jetzt hier in unserer alten Kanalstellung immer Gelegenheit. In einem Eimer wird das Wasser aus dem Kanal geholt und wird sich dann gewaschen. Der Eimer geht dann von einem zum andern über, immer der Reihe nach. Dann habe ich mir eine Cygarre angesteckt und sitze nun in Hemdsärmeln im Unterstande, den ich und Asbeck bewohne, und schreibe. Ich sitze quer zum Schützengraben. Der Unterstand ist in die Kanalöffnung eingebaut. Vor meinem Blick liegt der Kanal. An der anderen Seite ist das Schloß Hollebeike, richtiger gesagt liegen die Ruinen von dem Schloß mit seinen großen Anlagen. Vor dem Schloß aus laufen die Laufgräben kreuz und quer zu der Bayernstellung, deren Schützengraben links von uns liegen und nur durch den Kanal getrennt sind. So kannst Du Dich ungefähr in meine Lage denken. Erwähnen will ich noch, daß es heute wieder herrliches Wetter ist. So nun höre meine Erlebnisse vom Sonntag Nachmittag an bis jetzt. Meine Karte von gestern und vom Sonntag wirst Du inzwischen erhalten haben. Viel weiß ich nicht zu berichten. Am Sonntag haben wir, wie Dir auf der Karte berichtet, Arbeitsdienst im Schützengraben gehabt. Gegen 6 Uhr war Schluß damit. Ging dann zum Knüppeldamm. Inzwischen war das Abendessen angekommen, es gab Graupen mit Rindfleisch und Portionen aus Speck, Käse und Brot. Nachdem war Postempfang. Was ich bekommen, habe ich Dir schon mitgeteilt. Nachdem ich diese gelesen, bzw. ausgeguckt hatte, setzte ich mich mit den anderen Kameraden noch etwas vor die Baracke, um die herrliche Abendluft zu genießen. Gegen ½ 8 Uhr lud mich der Comp. Führer zu einem Glase Bier ein. Er hatte dazu alle Zugführer und deren Stellvertreter eingeladen, sowie den Feldwebel. Um 10 Uhr war Schluß damit. Dein Bild mit den Kindern hat dabei auch noch die Runde gemacht. Wundern sich, daß ich so große Kinder habe, bedenken aber nicht, daß ich soviel älter bin, wie alle andern. Uebrigens war nur der Comp. Führer und noch 1 Untfz. verheiratet. Ersterer ist nur 35 alt und hat 3 Kinder. Uebrigens sprach mich dieser Tage ein Major vom 1 Bat. an. Frug mich nach Namen, woher, ob verheiratet, wie alt und wie viel Kinder. Zu letzterem meinte er, ich sollte nur das 2 Kindersystem nicht einführen, wie in Frankreich. Ich sagte, versprechen könnte ich ihm nichts, er möchte mir mal Urlaub geben, vielleicht würde es noch was. Er lachte und ging. Gestern morgen wurde um 5 Uhr abgelöst. Sind jetzt in unserer alten Stellung, wo es noch immer am besten ist. Heute Nacht ist unsrerseits eine Patrouille vorgestoßen, haben jedoch nicht viel neues zu berichten gewußt. Unsere Pioniere treiben jetzt zu der feindlichen Stellung einen Stollen, vielmehr zwei. Es ist dies eine kolossale Arbeit. Es wird aber noch einige Wochen dauern, bis eine Sprengung vorgenommen werden kann. Gestern hatten wir keinen Mann Verlust, vorgestern zwei im Granatwalde. Einen mit Fingerdurchschuß und der andere mit Beinschuß. In letzter Zeit ist Corteville auch heftig beschossen worden, und es sind einige Verwundete geworden. Es ist dies wohl ein Gegenstück für unsere Beschießung Yperns. Der verwundete Untfz. Langer liegt im Reservelazarett Meppen im Rheinlande. Es heißt, es seien für die Comp. wieder 25 Mann Ersatz in Werwick. Der eine sagt, morgen bleiben wir noch hier in der Stellung, der andere sagt, wir können auf 2 Tage nach Werwick, soll mich wundern wer Recht hat. Heute sind wir den 10. Tag hier. Rechts von uns sollen wir die letzten Tage, auch gestern noch, weiter vorangekommen sein. Libau [?] ist wohl auch gefallen. Näheres wissen wir noch nicht. Ob Italien nun auch noch eingreift? Hoffentlich bleibt es neutral. Und wann wird endlich der Friede kommen, noch schlechte Aussichten. Sonst wüßte ich nichts Neues zu berichten. Es geht Euch hoffentlich noch allen gut, wie es bei mir der Fall ist. Grüße Elly und Remscheids. Auch Gruß und Kuß für unsere liebe Kinder. Besonders herzlichen Gruß und Kuß für die allerbeste.
Dein Ernst

Muß Dir noch einen Witz erzählen, der in Verbindung mit der Unterstützung steht. Kommt eine Frau zum Amt und will die Unterstützung holen. Sie wird gefragt, was sie will. Prompt erfolgt die Antwort: Ich will die Zinsen holen von dem Kapital, welches im Schützengraben liegt. Stimmts?
Meine Butterdose habe ich auch nicht wieder bekommen, nach dem Urlaub. Man hatte diese an sich genommen, keiner wußte wer.
Nun sind alle 4 Seiten voll Morgen wird’s wohl Post geben, und dann mehr. Nun mit Gott und nochmals herzl. Gr. u. K. Dein Ernst