Meine liebe Lydia!
Heute, am Charfreitag, diesen Brief von mir. Draußen lachender Sonnenschein. Die Natur grünt und knospt. Mitten in das friedliche feierliche Bild ab und zu Kanonendonner und Gewehrfeuer. Allzu sehr erinnern die umliegenden Gehöfte an die Schrecken des Krieges. Wenn ich das alles sehe, muß ich sagen, es muß ausgehalten werden, bis ein günstiger Frieden abgeschlossen werden kann. Wir sahen es ja in Ostpreußen und das darf an anderer Stelle in unserem Heimatlande nicht eintreffen, Deshalb müssen wir ausharren und sollte es noch so lange dauern. – Also Ihr seid mal zufrieden gewesen mit mir, d.h. mit meiner Post. Nun ich beklage mich auch nicht. Gestern Abend bekam ich richtig die mir bis zum 1. Abends zugedachten Briefe von Dir, Egon und Marga. Außerdem den einliegenden Brief von Elise, welcher einem Cygarrenpaketchen beigefügt war. Dann 2 Paketchen von Dir, das eine für Ungeziefer, welches ich sofort in Anspruch genommen habe und das andere mit Zwiebäcke, Marmelade etc. Die ersteren mit den Makrönchen haben mir zum Morgenkaffee gedient. Das Kotelett, es war nur eines, war ganz gut, aber ich glaube für den eigentlichen Wert ist es doch zu teuer. Suppenwürfel schrieb ich Dir schon, daß Du bei Gelegenheit welche schicken kannst. Aber, daß Du Dir Vorwürfe machst und glaubst mir zu wenig geschickt zu haben? Ich habe doch in Hülle und Fülle. Gewiß freue ich mich, wenn ich etwas von Deiner Hand bekomme; wenn mir wirklich was fehlen sollte, würde ich Dich um Zuschickung bitten, so froh würde ich doch sein, oder glaubst Du nicht? Wenn es mit meinem Urlaub was werden sollte, werde ich den Fall Kurfjuhn [?] nachsehen. Auch könnte ich bei der Gelegenheit, für den evtl. Fall einer Einberufung Ra. für mich ein Gesuch aufstellen. Ich glaube nicht, daß Du mir etwas von Wilhelms krank sein geschrieben hast, ich kann mich wenigstens auf nichts erinnern. Oder bin ich so vergessen? Was hat ihm denn gefehlt? Ueber die Kriegsereignisse werden wir jetzt ziemlich schnell und genau unterrichtet. Aber deshalb lese ich die mir zugeschickten Zeitungen doch noch sehr gerne. Habe ich Dir geschrieben, daß die 143 direkt neben unserem Regiment einen kleinen Graben genommen haben? Einige Gefangene und Gewehre wurden gemacht bzw. erbeutet. Verluste sollen auf Seite der 143er nicht gewesen sein. Ein Versuch der Engländer den Graben wieder zu nehmen, ist gescheitert. Sonst wüßte ich nichts Neues. Will Elise noch schreiben, auch den beiden Kindern. Vielleicht ist es mir möglich morgen noch mal wenn auch nur ein Kärtchen, loszulassen. D.h. wenn die Post abgenommen wird. Dies ist nicht immer der Fall. Also grüße Elly, Remsch u Ra auch Gruß und Kuß für unsere Trabanten.
Besonders sei Du herzlichst gegrüßt und geküßt von
Deinem Ernst