Meine liebe Lydia!

Gestern Nachmittag empfing ich Deinen Brief vom 14ten, einen Brief von Muhle, eine Karte von O. Wind und von Lisettchen. Dann noch Dein Paketchen mit Marmelade, Guge [?] und allerlei Süßem. Zu Deinem Briefe folgendes: Es wäre vielleicht richtiger, wenn Du mal an die Lebensversicherung schreiben würdest und den Betrag dann bezahltest. Einmal muß es ja doch sein. Wenn ich die Adresse genau wüßte, würde ich es besorgen. Dem C. Dönneweg müßt Ihr gehörig Bescheid sagen, der kann alles anhören. Ich werde ihm mal gelegentlich über seine Art und Weise zur Rede stellen, wenn ich mal da bin. Das ist mit Enders immer so gewesen, erst ist die Ware immer zu teuer und nachher müssen wir doch helfen. Die Arbeit bei Hohage durch Kattwinkel wird für Meyer gemacht, als Gegenrechnung, da er uns doch auch einige Tage bei Dr. Hofmann geholfen hat. Für den Steinbach wird Kattwinkel denn wohl noch einen anderen Maurer bekommen, damit die Ueberwölbung so schnell wie möglich zu Ende geführt werden kann. Waren Schmitz und Fuchs denn beide in Urlaub auf längere Zeit? Soll mich denn doch wundern, ob Emil das Glück hat. Wir wollen es ihm gönnen. Der Eine hat in dieser Beziehung mehr Glück wie der andere. Ich sprach auch mit Carl Speckenbach über den Urlaub, er wußte noch nichts bestimmtes. Wenn er mit der 5ten Rate kommen sollte, würde er Anfang September dort sein. Bei uns wird es wohl Anfang oder Mitte Oktober werden. Geschäftlich möchte ich aus dem Grunde nicht gern Urlaub nachsuchen, da dann durch eine eventuelle Genehmigung andere Kameraden, die noch garnicht oder wenigstens nicht in diesem Jahre in Urlaub waren, zurücktreten müssen. Du kannst [?] Dir wohl [denken], das [sic] jeder gerne sobald wie möglich heim möchte, da man ja immer nicht wissen kann, ob keine anderen Bestimmungen getroffen werden. O.W. schreibt mir auch auf der Karte, daß er bereits ausgerückt sei, wenn ich die Karte erhielte, soll mich nur wundern nach welchem Kriegsschauplatze man ihn hin dirigierte. Lisettchen schreibt mir auch, daß Heinrich sich in Siegen den 20. stellen müßte. Mit seinem Bein möchte ich ihm gönnen, daß er zu Hause bleiben könnte, oder in seinem Fach in einer Militärschmiede sofort beschäftigt würde. Emilie schreibt auch, daß Gustav zur Infanterie gezogen sei. Denke Dir mal an so ein alter Knabe soll dann noch Soldat spielen. Man staunt wirklich über die alten Leute, die jetzt noch ausgebildet werden sollen. Man sollte meinen, es wäre bald alles ausgehoben. – Die 3 Tage in anderer Linie sind gut verlaufen. Es wahr [sic] sehr ruhig die Tage. Verluste hatten wir gar keine, was lange nicht da gewesen ist. Die Witterung war allerdings schlecht, besonders des Nachts. Es hat so ziemlich die Zeit aneinander geregnet. Bald ein Wetter wie im Herbst. Jetzt werden wir wohl wieder 3 Tage hier bleiben und dann geht’s wahrscheinlich wieder nach vorne. Die Nacht habe ich revidiert von 1 – 5 Uhr. Um 5 Uhr war die Ablösung da. Jetzt ist es 11 Uhr. Zunächst habe ich hier gegen 7 Uhr den Morgenkaffee (den Nachtkaffee schon um 3 Uhr) eingenommnen, einen kräftigen Imbiß dazu genommen, 2 Schnitten rund ums Brot. Versuchte dann zu schlafen, aber es hatte keinen Ort. Dann gegen 9 Uhr 1 Stunde, nachdem ich mich hingelegt hatte, war ich schon wieder auf den Beinen. Habe dann Toilette gemacht und so ist die Zeit hingegangen. Heute ist es nun so richtiges Sonntagswetter. Schade, daß ich nicht mit Euch einen Spaziergang machen kann, es ist zu weit. Zeit hätte ich schon dafür. – Ich denke, Elly wird sich so vor und nach in den Verlust schicken. Anbei schicke ich Dir einige Andenken aus dem Schützengraben. 1 Bild von der Postkarte von dem Schloß, wo wir schon 2 Ansichten von haben. Das untere ist einige Wochen später aufgenommen. Dann eines vom Schützengaben direkt, wo Du die Wirkung eines Artillerie Volltreffers sehen kannst. Es ist aus unserer Stellung. 2 Mann wurden hierbei durch den umgeworfenen Sandsack verschüttet, aber doch nur unbedeutend verletzt. Dann noch 1 Bildchen von der Kirche in Hollebecke. So ähnlich sieht das ganze Dorf aus. Von allen Gebäuden stehen nur noch die nackten Mauern. Jetzt will ich noch einen Brief an Muhle schicken und denen 1 Bildchen vom Schützengraben schicken, ich habe noch 2. Das andere sollen Wendels haben. Dann will ich Lisettchen noch erwidern. So geht dann der Sonntag so langsam herum. Mittlerweile habe ich schon mal Hunger gekriegt und will dann erst nach Beendigung des Briefes frühstücken. Kaffee ist soeben angelangt, dazu giebt es dann Käse und Fleisch-Butterbrote. So Gott will, morgen mehr. Grüße Remscheids. Gruß und Kuß für unsere l. Beiden. Besonders sei Du allerbeste herzlich gegrüßt und geküßt von Deinem
Ernst.