Meine liebe Lydia!

Heute, aus erster Stellung, ungefähr 30,00 m vom Feinde entfernt. Den 13. und 14. war unsere Comp. in 3ter Bereitschaft und waren wir dort ziemlich dem Granatfeuer ausgesetzt. Doch, Gott sei gedankt, hatten wir nur 1 Verwundeten zu beklagen, der einen Granat-Beinschuß morgens um 5 Uhr in der Deckung, im Schlaf erhielt. Hier sind wir dem Artilleriefeuer nicht ausgesetzt, weil die Infanterie zu nahe liegt und die eigenen Truppen beschossen werden könnten. Augenblicklich sitze ich in einem Unterstande, um in Gedanken bei Euch allen meinen Lieben, verweilen zu können und dem Schlachtenlärm auf kurze Zeit zu entreißen. Die Infanteriekämpfe sind nicht so sehr gefährlich, weil wir wie ich Dir schon mal geschrieben habe, gut verschanzt sind. Doch die Artilleriekämpfe sind manchmal ohrenbetäubend und erschweren manchmal die Zugänge zu den Schützengräben sehr. Allen Bekannten geht es noch gut, nur hat sich Husberg wegen Magenleiden krank gemeldet. Letzten Tages ist die Witterung auch hier besser, so daß wir einigermaßen trockenen Fußes in die Stellungen gelangen können. Heute morgen wurde bekannt, daß 300 Franzosen gefangen genommen und 10 Geschütze an der Linie erobert hätten. Gewiß ein netter Erfolg, aber wie lange wird der Krieg dauern? Alles sehnt sich nach Frieden. Es sollen ja vom 14.-18. die neutralen Mächte wegen Friedensverhandlungen tagen, ob die aber was erreichen, wer soll die Zeche bezahlen? Hoffentlich ist die Sache mal schnell zu Ende, wie ich, resp. wir, denken. Gern will ich noch ausharren, nur hoffe ich zu Gott, wieder zu Euch zurückkehren zu dürfen. Heute morgen waren unsere Minenwerfer bei der Arbeit, um ein Haus dicht bei uns vollständig zu sprengen, welches noch von Feinde besetzt ist. Die Minen haben eine kolossale Wirkung. – Wenn ich jetzt übermorgen den 17. früh nach Corteville zurückkomme, gedenke ich doch auch mal Post von Dir vorzufinden. Denke mal, den 18.Dez. die letzte Karte von Dir, bald 4 Wochen. Meine Post hast Du doch hoffentlich regelmäßig erhalten. Sieh mal zu, ob Du mir keine Wickelgamaschen schicken kannst, müssen aber extra lang sein, bis hoch über die Knie gegen Schlamm und Wasser. Evtl. mußt Du 2 Pakete davon machen. Dann schicke mir Paketchen mit Cognak, Chocolade u.s.w. Nur keine Wurst, Fleisch, Tabak und Cygarren mehr. Dann noch 1 Taschenlampe zum Anknöpfen an die Brust mit Ersatz-Batterie, die man hier so nötig hat, wie das liebe Brot. – Nun will ich Dir noch mitteilen, wie ich Jahreswende verlebte. Auf 9 Uhr Abends hatte der Feldwebel die Untfz alle eingeladen zu seiner Schreibstube, in einem verlassenen Hause. Die Comp. hatte Bier und Wurst gestiftet. Es wurde manche schöne Rede gehalten, patriotische und Weihnachtslieder gesungen. Der Weihnachtsbaum wurde abgebrannt. Punkt 12 Uhr gratulierten wir uns gegenseitig zum neuen Jahr, traten vor die Tür und sangen die Lieder mit großem Pathos, wie sie wohl selten gesungen werden; Wir treten zum Beten vor Gott, den gerechten und Nun danket alle Gott. Aus der Gefechtslinie tönte gewaltiger Kannendonner und Gewehrfeuer hinein. Ein schönes-schauriges Bild, daß [sic] ich wohl nie vergessen dürfte. Ich will erwähnen, daß auch der bereits gefallenen Kameraden ehrend gedacht wurde. Gegen 2 Uhr war die Feier beendet. Dann 1 Stunde Ruhe und [um] 3 Uhr wußten wir, um 4 Uhr ging es zum Schützengraben. Untfz Kiel [?] läßt Dich grüßen, dient im 3. Jahre, ist 34 Jahr. Hat eben seiner Braut geschrieben.
Hier in der Comp. sind die Alte [= ist das Alter] von 19 – 45 Jahre vertreten. Freiwillige, Ersatzreservisten, Reservisten, Aktive, Landwehr und Landsturm. Morgen mehr und mit Gott. Herzl. Grüße und Küsse, auch für unsere Kinder, Dein Ernst.

Speckenbach bekam vor unserm Weggang seine erste Post von Hause. Dann nochmals Gruß und Kuß, und Gott befohlen, Dein Ernst