Meine liebe Lydia!

Gestern und vorgestern bin ich nicht zum Schreiben gekommen. Wir lagen die 2 Tage in vorderster Stellung. Heute sind wir wieder in Reserve und ist es der 7. Tag, seitdem wir in Stellung sind. Dieses Mal hatte die Comp. eine andere Stellung inne. Links von Höhe 60 lagen wir, auf Höhe 59, dicht an der Bahnstrecke Ypern-Comines. An beiden Punkten haben die Engländer in letzter Zeit, seit dem 17 v.M. zahlreiche Durchbruchversuche gemacht. Ihre Angriffe sind alle glücklich abgeschlagen worden und haben sie hierbei viele Verluste gehabt. Unsererseits ist allerdings auch mancher brave gefallen. Auch in den 2 Tagen machten die Engländer dicht rechts von uns morgens bei Tagesgrauen, zwischen 3 u. 4 Uhr ihre Angriffe. Wir waren nur insofern beteiligt, als wir gewaltiges Artillerie- und Infanteriefeuer bekamen, was unsererseits natürlich ebenso heftig erwidert wurde. Verluste hatten wir nur 2 Verwundete und 2 wurden krank vor Schreck. Sonst hat alles Gott sei Dank gut gegangen. Im Augenblick, wo ich dies schreibe 8 Uhr vormittags ist wieder rechts von uns eine heftige Artillerie-Kanonade im Gange, die schon fast eine Stunde anhält. Es heißt, es sei dies die Vorbereitung zu einem allgemeinen Angriff des Armeekorps rechts von uns. Es soll mich wundern, was man wieder davon hört. Morgen oder heute Nachmittag wird man ja einiges erfahren. Ich teilte dir letztens die Erfolge des Russensieges mit, nun wurde gemunkelt, der Sieg sollte gar nicht so bedeutend sein, weil die Blätter garnichts darüber schrieben. Es wird sich ja zeigen. Nachher denke ich noch, etwas Post von Dir zu bekommen und will ich nach Erhalt dann den Brief fertig schreiben. Es sind Mannschaften nach Corteville und holen die Post. Unser Feldwebel muß jetzt auch mit in Stellung. Vorläufig schicke mir mal nichts Eßbares. Habe immer über genug. Ein Paketchen mit Keks, Bonbon und Kaffeemehl mal ab und zu, auch mal weder etwas Doppelkorn, und einige Cygarren. Sonst vorläufig nichts. In letzter Zeit sind die Liebesgaben in Cygarren knapp gewesen und die es gab, waren kaum zu rauchen. So, jetzt will ich mal Pause machen und die Post abwarten. – Soeben Postempfang gehabt. Ich habe Deinen Brief vom 3.5 und Geburtstagskarte und Paket mit Brief von Nachbarin, 1 Brief mit Bild von Raab, 1 Karte von Kattwinkel und 1 Karte von meinem Kameraden Rothaupt. Die bekommenen Briefe schicke [ich] Dir in einem besonderen Brief zurück. Ob der Braten noch gut ist, will ich Dir morgen mitteilen, jetzt keine Zeit, erst die Post fertig machen, wird gleich abgeholt. Den Fahrplan habe ich leider verlegt. Ella will ich mal eine Karte schicken, auch Kattwinkel, Ra., Nethein [?] und Euren zu Hause. Du siehst, allerhand Arbeit. Heute sehr warmes Wetter hier, wie im Hochsommer. Trotz des Krieges behauptet der Kuckuck auch hier sein Feld, er ruft fleißig Tag für Tag. Ra. Antwort siehst Du aus dem Brief. Hoffentlich kommt die Sache nun ins Reine, obwohl er die Eile nicht verstehen kann. Sonst nichts Neues. Hoffentlich geht es Euch noch gut. Ich bin auch noch wohlauf. Grüße Remscheids. Auch Gruß und Kuß für unsere lieben Kinder. Vor allen Dingen sei Du herzlichst gegrüßt und geküßt von Deinem Ernst